sinnlos.lounge

 Posted by: stbeck on Wednesday, February 12, 2003 - 18:09
In letzter Zeit hat die Verwendung des Wortes "lounge" inflationäre Züge angenommen: "Senator Lounge", "liga6000 lounge", beim molokko+ steht "lounge" dran, und auch die Galerie Morgen lädt zu einer "lounge" auf die Messe Ambiente ein, was zumindestens grob in den Kontext passt.

Was will einem dieses "lounge" sagen? Vielleicht, weil man nicht "club" sagen will, weil das schon zu abgedroschen klingt, weil schon alles beinahe "club" ist. Da konnotiert "lounge" doch etwas edleres, gehobeneres, signalisiert Grosszügigkeit was Ausstattung und Zeitrahmen angeht.

Womit wir schon im Herzen der Angelegenheit wären. Mit "Lounge" stellt sich am ehesten und vom Ursprung seiner Verwendung die Vorstellung von Hotelhallen und Abflugbereichen von Flughäfen ein, abgegrenzte Bereiche, für Personen, die warten (müssen), aber dies nicht allzu offensichtlich, wie an einer Haltestelle, zur Schaustellen wollen. Die Lounge dient dem Zeitvertreib und sanktioniert die Zeitverschwendung.

Aber worauf wartet man eigentlich? In oben genannten Etablissements. Auf die gute Fee, den Menschen von neben an, die frohe Botschaft, oder die letzte Gelegenheit (Zeit für eine Zigarette)? Man hält sich halt auf und hält sich auch ab von etwas, von dem man nicht genau weiss, ob es je kommen oder dringlich wird. So beschreibt Heidegger die Furcht, als einem unbestimmtem beständigen Herannahen, das unaufhörlich näherkommend nie letztlich eintreffen wird. Die Furcht ist ein ausgezeichneter Modus der Befindlichkeit des in-der-welt-sein als solches. "Furcht ist im allgemeinen ein definzienter Modus der Vertrautheit. Bedrohlich kann nur solches sein, das auch vertraut sein kann."

Wir können daher von der Lounge schreiben, sie sei ein vertrauter Ort, an dem man sich fürchtet, weswegen man lieber wartet, bis es vorbeigeht, oder die Lounge schliesst. "Das Dasein fürchtet also im Grunde um sich selbst und das eigene Seinkönen. Daher ist die Furcht, recht verstanden, auch nicht so sehr die Erwartung eines zukünftigen Übels, sondern eher das gegenwärtige Fürchten des Daseins um sein Sein " Daher ist die Lounge eine Ort, den man mit Heidegger als uneigentlich nennen könnte. Sie verlangt nicht Ergriffenheit, sondern Zerstreuung. Eigentlich wüsste man ja, was man jetzt tun sollte (etwa die Frau gegenüber ansprechen), aber man wartet noch etwas ab, weil sich ja noch eine bessere Gelegenheit bieten könnte und so fort...

Die Lounge ist also ein fürchterlicher Ort, an dem man sich nicht getraut sich zu fürchten, sondern lieber nach anderen Aussschau hält, die aber nie kommen, sondern in nächster Nähe fern bleiben. Denn spräche man von seiner Furcht, dann könnte ja genau das eintreten, was man eben befürchtet, nämlich, zu erfahren, daß die anderen sich auch fürchten, was wirklich fürchterlich wäre.

Die Lounge ist also ein fürchterlicher Ort, der der gemeinsam einsamen Niederhaltung der Furcht dient. Damit ist sie nicht mehr fürchterlich, sondern ganz passabel, was wiederum erträglich und damit erstebenswert ist. Und deswegen gibt es ihrer so viele.

 

 

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Comments

Re: sinnlos.lounge
by Guest on Feb 19, 2003 - 11:35

Ein interessanter Aspekt ist vielleicht noch, dass es in Frankfurt, zentral gelegen und direkt neben einem der "klassischen" Szenemenschenumschlagplätze, noch ein Etablissement für die gehobene Zugezogenenklasse Gäste gibt, die sich schlicht und ergreifend "Lounge" nennt. Die inflationäre Sekundärverwendung von inhaltistischer Begrifflichkeit mag sich im Unbewussten gründen; geht man als ambitionierter Anderer [im Sinne von: Anders-Seiender, einer Frage der Einstellung, die sich erst aus jener Drehung aus einer Zwangshandlung heraus zu begreifenden Einstellung vollkommen erschliesst] doch tagtäglich an eben diesem Schild: "Lounge" vobei, es allenfalls noch mit einem verachtenden Blick streifend, und doch: Zack! hat sich das Wort eingeschrieben [auch die in bestimmten Kulturkreisen inflationäre Verwendung des Begriffs des Einschreibens mag zu einem Gegenstand einer weiter führenden Untersuchung werden] und reproduziert sich in der Umgebung der Anderen, still und heimlich, schleicht sich in seiner stilechten Verwendung und Um-Setzung in ihrer ganzen Langeweile durch allabendliche Desaster - es ist ein Drama. Nämlich jenas Drama, dass uns, die wir anders-sind, nichts Eigenes, Besseres einfällt als für ein paar Jahre Lounging, und dann kommt eben ein anderer Begriff daher, woher auch immer. Pfeiffer und Klüber sind clevere Geschäftsleute, unter dieser Perspektive verdienen sie Respekt, und auch für die passive Leistung, dass sie gar nicht mitbekommen, um was es hiereigentlich gerade geht.

signifikant@signifikat.de [t.c.f.k.a.b.]