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Die Kunstwerke sind nebensächlich

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Man kann heute den Kunstbetrieb mit einem Computersystem vergleichen:

Die Künstler und ihre Kunstwerke sind die Software.
Das Wichtigste ist das sog. Betriebssystem. Das sind die Ausstellungen, ihre Macher und die Kunstkritiker.
Die Kunstinstitutionen (Museum, Galerie) sind die Hardware.

Früher wurden Ausstellungen organisiert, um Kunst zu zeigen. Heute wird Kunst organisiert, weil eine Ausstellung gezeigt werden soll. Künstler und Kunstwerk sind nebensächlicher Anlaß, um das Betriebssystem Kunstmarkt am Leben zu erhalten. Das Kunstwerk selbst ist zur Nebensache verkommen. Es spricht nicht mehr für sich selbst, sondern dient lediglich der Erkennung des Schöpfers.

Damit Kunst ihre ehemalige Position als gesellschaftliche Vorkämpferin wieder einnehmen kann, muß sie u.a. bereit sein an der Veränderung des etablierten Betriebssystems zu arbeiten. Dabei ist es ihre Aufgabe subversiv zu wirken, die Institutionen zu untergraben, sich zu entziehen, Haken zu schlagen, zwischen den Stühlen zu tanzen und sich nicht niederzulassen. Nur so können Künstler und Werk wieder der wichtigste Teil des Betriebssystems Kunst werden.

Das Atelier des Künstlers zählt heute nicht mehr zum Betriebssystem Kunst. Es ist ein geheimer Ort, an dem der Künstler arbeitet und möglichst nicht gestört werden soll. Das Atelier ist ein Tabu-Ort geworden.
Die ehemals bestehende Verbindung zwischen dem Künstler in seinem Atelier und dem Kunstpublikum ist durch die Macht der Kunst-Institutionen getrennt worden. Museum, Galerie, Kunstverein, Art-Consultant, Ausstellungsmacher und Kritiker haben sich dazwischengeschoben und den Kunstmarkt gebildet.

Das Atelier dem Kunstpublikum zu öffnen, bedeutet sich dem etablierten System zu entziehen, bzw. das System zu untergraben. Das Atelier ist dann die „Hardware“. Der Inhalt des Ateliers ist die „Software“. Der Künstler ist das „Betriebssystem“, er ist Produzent und Ausstellungsmacher in einer Person.


Von Klaus Bittner, Frankfurt 1996

Die Antwort von Stefan Beck:

Lieber Klaus,

ich hab U4 jetzt bei Thing Frankfurt eingetragen.
http://www.thing-frankfurt.de/places/u4
Falls noch etwas zu ergänzen wäre, lass mich wissen.

Ich finde übrigens Deinen kurzen Text "Die Kunstwerke sind nebensächlich" (oder entbehrlich?) theoretisch am Schärfsten.

Nur mit Deiner Schlußfolgerung kann ich nichts anfangen. Ich weiss nicht, worin die Du die besondere Stellung des Ateliers siehst.

Ich bin auch schon vor längerer Zeit auf ähnliche Gedanken gekommen. Für mich war allerdings das Ergebnis, keine Kunstwerke mehr zu machen.

Herzliche Grüße
Stefan


Antwort von Klaus Bittner:

Lieber Stefan,

Zum Thema "Stellung des Ateliers":

Da ich im Gegensatz zu Dir noch der Meinung bin, dass weiterhin Kunstwerke gemacht werden sollen – zumindest ich selbst dazu Lust habe oder einem Trieb nachgebe, Kunstwerke herzustellen, ergibt sich daraus zwangsläufig, dass ich einen Arbeitsraum bzw. eine Werkstatt brauche und damit sind wir bei dem Begriff „Atelier“ gelandet.
Als wir 1994 in Selbst-Organisation unsere Ateliers dem Frankfurter Publikum öffentlich machten, haben wir einen Leitsatz geprägt, der heute auf meiner Atelier-Tür steht: “Atelier is the basic sponsoring of art by the artist“

Natürlich kann man heute ohne Atelier Kunst machen, z.B. mit dem Computer / im Internet etc. – ich selbst benutze mein Atelier zur Zeit auch nicht, sondern erstelle Werke am Computer (Fotografie / Digital Art) und dieser Computer steht in meiner Wohnung. Da ich nach dem Prinzip der „Variablen Reaktion“ arbeite, weiß ich aber, dass ich demnächst wieder ins Atelier gehe und an anderen Kunstwerken arbeiten werde (die Ideen reifen zur Zeit).

Vergiss nicht, dass ich den Text „die Kunstwerke sind nebensächlich“ 1996 geschrieben habe (sehr spontan) und dass zu dieser Zeit die Verhältnisse noch etwas anders waren – z.B. gab es den Begriff „Kurator“ noch nicht, der nannte sich damals noch Ausstellungsmacher und hatte noch nicht die Machtposition wie heute. Und Begriffe wie Netzkunst gab es schon gar nicht, weil ja zu dieser Zeit der Computer in der Kunst ganz selten zum Einsatz kam.

Der letzte Satz in meinem Text war: Das Atelier dem Kunstpublikum zu öffnen, bedeutet sich dem etablierten System zu entziehen, bzw. das System zu untergraben. Das Atelier ist dann die „Hardware“. Der Inhalt des Ateliers ist die „Software“. Der Künstler ist das „Betriebssystem“, er ist Produzent und Ausstellungsmacher in einer Person.

Es ging mir im Wesentlichen darum, die Stellung des Ateliers im Betriebssystem Kunst wieder nach vorne zu bringen, um Galeristen, Kunsthändler und Kuratoren auszuschalten und die Künstler in ihrem Atelier zum wichtigsten Teil des Betriebssystems Kunst zu machen.
Man stelle sich eine Situation vor – das kunstinteressierte Publikum geht nicht mehr in Galerien, Kunsthallen, Museen etc., sondern in die Ateliers der Künstler und kauft die Kunstwerke direkt vor Ort. In diesem Fall würden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen:
1) die Kunsthändler und Kuratoren würden tatsächlich arbeitslos werden.
2) die Menschen würden verstärkt Kunstwerke nach den Kriterien „Qualität und eigener Geschmack“ und nicht mehr nach der Methode „der Kurator empfiehlt folgende Namen…“ erwerben.
3) die Preise für Kunstwerke würden sich in einem vernünftigen Rahmen bewegen.

Hier noch ein paar Anmerkungen zum Thema „Eine andere Kunst ist möglich“ aus dem Thing-Book von 2004:
Textauszug: „Folgerichtig erklärt Goldenberg das Ende jeglicher Ausstellungskunst, denn ein Rahmen, der der Kunst Autonomie zusichern könnte oder gegen den die Kunst ihre Autonomie behaupten könnte, existiert nicht mehr.“

Mein Kommentar dazu: obiges „Atelier-Konzept“ wäre der Rahmen dazu.

Noch ein Auszug aus dem Text „Eine andere Kunst ist möglich“ aus dem Thing-Book von 2004:
„Es existiert kein vorgängiges Werk mehr, so wie wir es aus dem Museum oder der Galerie kennen, das für sich besteht, ob es jemand anschaut, oder nicht. Stattdessen wird das Werk erst im Zusammentreffen von Produzenten und Rezipienten entwickelt, wenn beide in Austausch miteinander darüber treten, wie das Werk entstehen könnte. Womit beide ihren aufeinander bezogenen und doch jeweils isolierten Status verlieren und Partizipienten, gemeinsame Schöpfer werden.“

Im Text wird darauf hingewiesen, dass gemeinsam zwischen Produzent und Rezipient letztendlich dann doch ein Werk entsteht. Wo also soll solch ein Werk realisiert werden, wenn es keine Netzkunst ist - doch sicher in einem Arbeitsraum, was ein Atelier sein könnte.

Dies zum Thema „Atelier“

Herzliche Grüße
Klaus

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Im Kontext von Thing Book 2004 auch: ›http://www.cms.thing-net.de/artikel355.html‹ (veraltet).


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