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Eine andere Kunst ist möglich

27. September 2004 - 22:15

Im folgenden die Wiedergabe des Artikels "Eine andere Kunst ist möglich", wie er im Thing Book 2004 veröffentlicht wurde.
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Notwendig ist die Kunst eine andere, nämlich als Zeichen, das in seiner relationalen Struktur auf keinen positiven Gegenstand mehr verweist, sondern nur noch im Spiel unendlicher Unterscheidungen aufgeht.

Es gibt kein Kunstwerk mehr als Ding, als singuläres Objekt, nicht mal als Ready Made. Insofern sind Originalität, Kreativität, ja Überraschung, Mode und Skandal zweitrangig.

Lange schon wissen wir um den Rückzug der Kunst aus der Sichtbarkeit. Ihre stille Anwesenheit sei uns gewiss, aber auch das ist eine Täuschung.

Es existiert kein vorgängiges Werk mehr, so wie wir es aus dem Museum oder der Galerie kennen, das für sich besteht, ob es jemand anschaut, oder nicht. Stattdessen wird das Werk erst im Zusammentreffen von Produzenten und Rezipienten entwickelt, wenn beide in Austausch miteinander darüber treten, wie das Werk entstehen könnte. Womit beide ihren aufeinander bezogenen und doch jeweils isolierten Status verlieren und Partizipienten, gemeinsame Schöpfer werden.

Schon Mitte der 80er Jahre verkündete der Hamburger Kunsttheoretiker Michael Lingner, die Qualität moderner Kunst werde durch die Qualität der Kommunikation über moderne Kunst bestimmt. Einen Schritt weitergedacht bliebe durch den Wegfall des Referenten ‚Kunst’ letztlich eine selbstreferentielle Sprachstruktur übrig.

An die Stelle von ‘über die Kunst sprechen’ treten Sprache, Austausch, Konversation in eigener Selbst-Behauptung.

Hier setzt dann Kurd Alsleben an, der mit seinem 'Ich weiss allein nicht weiter' (1986) den Weg vom 'cogito' zum 'cogitimus' wies. Nicht ich denke, sondern wir alle denken, nämlich vernetzt, in dem wir uns konversatorisch über unser Denken austauschen. Netzkunst bezieht sich somit nicht bloss auf Computernetze, sondern auf das operationale Vorgehen der Kunst, die im Austausch begriffen nur dem geringsten Widerstand folgend in die Datennetze abfliesst. Netzkunst ist vernetzter Kunst nachgeordnet.

David Goldenberg, der sich sowohl auf Lingner als auch auf Luhmann bezieht, denkt Kunst unter dem Imperativ einer Post-Autonomie, die nach einem nicht mehr zu überschreitenden Endpunkt ihrer funktionalen Autonomisierung nur noch um den Preis der Aufgabe ihrer Autonomie sich von sich selbst absetzen kann. Folgerichtig erklärt Goldenberg das Ende jeglicher Ausstellungskunst, denn ein Rahmen, der der Kunst Autonomie zusichern könnte oder gegen den die Kunst ihre Autonomie behaupten könnte, existiert nicht mehr.

Wie die Kunstwerke sich nur noch als leere Rahmen, als haltlose Sockel, als Zeichen ihrer eigenen Abwesenheit präsentieren, so werden Museen und Institutionen von Surrogaten und Simulakren besetzt. Grafiker, Designer, Produktgestalter und Marketingstrategen - Fußvolk und Komparsen - rücken auf, übernehmen den Platz der Künstler, die ortlos geworden sind. Kunst kann folglich überall sein, nicht notwendig in der Galerie oder im Museum, dem ihre historische Aneignung zufiel, analog zur Krankheit durch die Klinik.

Daher versuchen die Institutionen diesen Verlust durch übertriebene Schaustellerei, Clownerien wie ein ‘lebendiges Museum’ wettzumachen.

Ihre Leiter, Direktoren, die aus Mangel an Inhalten einen persönlichen Stil pflegen, geben sich präpotent, wollen aber dahingehend nur ungern kritisiert werden. Dem entgegen mahnt Bourdieu, daß auch Malerei und Sport, Literatur und Frisur nicht zu kurz kommen dürften.

Die Offenheit des Kunstwerkes ist eine Unabwägbarkeit seiner eigenen Existenz; es kann auch nicht sein. Aber dieses Nicht-Sein kann nicht unabhängig von Kunstbetrieb gedacht werden, sondern schließt diesen mit ein. Denn es wäre sinnlos ein Museum zu denken, in dem die Kunstwerke auch nicht sein könnten.

Zugespitzt könnte man formulieren:

Kunst ist, was den Kittelmännern, Schafhausens, Holleins den Job kostet.

Das fortgeschrittenste Medium prägt seine Gesetze allen nachfolgenden auf. Nicht nur Netzkunst wird danach beurteilt, ob sie erst im Online-Kontakt entsteht, sondern alle andere auch. Malerei im Netz ausgestellt ist dagegen nur eine hilflose Kompensation.

Man verletzt die Konvention, indem man konventionell bleibt. Pardon.

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Das Thing Book, der gedruckte Taschenführer zu The Thing Frankfurt ist im Ganzen als PDF herunterzuladen: http://www.thing-frankfurt.de/home/merchandise/thing-book.php

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3 Kommentare

Re: Eine andere Kunst ist möglich

stbeck - 21. January 2008 - 15:02

Lieber Hans Braumüller,

vielen Dank für den Kommentar. Ich habe nichts gegen eine andere Menschheit, aber ich möchte mich auf das beschränken, was ich kann. Möglicherweise ist eine andere Kunst auch ein Schritt auf eine andere Menschheit.

Herzliche Grüsse
Stefan Beck

Re: Eine andere Kunst ist möglich

20. January 2008 - 17:55

Hallo, es ist eine Tautologie immer nur über die Kunst zu sprechen, egal ob vernetzt oder nicht. So sehr die Autonomie der Kunst wichtig war für ihre Freiheit, kommt es doch darauf an, das Ziel nicht zu vergessen: Nicht nur eine andere Kunst, sondern auch eine andere Menschheit ist möglich.

Hans Braumüller - Networking Artist
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Re: Eine andere Kunst ist möglich

26. May 2008 - 20:02

"Kunst kann folglich überall sein" - Kunst KANN überall sein, nicht nur folglich!

Viele Grüße,

Sabine Pint


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