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Checkliste für Besucher der Documenta 12

18. June 2007 - 15:06

Ich glaube nicht ganz, dass eine Großausstellung, wie die Documenta 12 erklären kann, was moderne Kunst heute ausmacht. An ihrem Ereignischarakter führt dennoch kein Weg vorbei.

Wer sich nach Kassel begibt, dem lege ich folgende Checkliste nahe. Vielleicht gibt es doch noch Überraschungen.

Medienkunst und Netzkunst sollte die erste Aufmerksamkeit gelten. Aber die kann nur vorläufig und oberflächlich sein. Ich habe nie an einen Medienessentialismus geglaubt, der die Kunstwürdigkeit von dem verwendeten Medium her bestimmt. Es geht nicht darum, ob etwas Video, Computer oder Leinwand ist, sondern, wie damit verfahren wird.

Infolgedessen schlage ich vor, nach folgenden Merkmalen Ausschau zu halten:

  1. Gibt es Kunstwerke, die sich kritisch mit dem Kunstbetrieb auseinandersetzen? Ihn in irgendeiner Form reflektieren?

    Wenn Kunst heute noch politisch sein kann, so nur in der Form, in der sie ihren eigenen Status hinterfragt, und ihr Funktionieren in einem wie auch immer gearteteten Kunstbetrieb.

    Finden sich Kunstwerke, die Namen nennen, auf einzelne Kuratoren, Galerien oder Institutionen Bezug nehmen? Gibt es Kunstwerke, die Auswahl- oder Ausschließungsmechanismen des Kunstbetriebs betrachten?

    Sind die Kunstwerke in sich selbst kritisch und reflektiv, oder überlassen sie das der Exegese durch das Documenta Personal?


  2. Finden sich Kunstwerke, die notwendig unabgeschlossen sind, und zu ihrer Vervollständigung durch die Besucher aufrufen? Wie gehen die Werke mit dem Betrachter um? Ist er oder sie nur passiv oder wird ihm oder ihr eine aktive Rolle zugesprochen?

    Besteht zwischen Betrachter und Kunstwerk eine Form der Mutualität (Alsleben), Wechselseitigkeit? Wie sieht sie aus?

    Wie viele Künstler sind während der gesamten Ausstellungsdauer vor Ort und interagieren mit dem Publikum? Oder wird die Kunst in Kassel einfach nur abgestellt?

    Wer ist wichtiger? Der Besucher oder das Künstler/Kunstwerk? Die Namen der Documenta Künstler wurden schließlich veröffentlicht. Ist gleiches auch von den Besuchern zu erwarten? (Mit Ausnahme der Prominenten wie Bundespräsident, Ministerpräsident etc. natürlich.)


Mit diesen Fragen, glaube ich, besteht ein gute Chance das Wesen moderner Kunst zu reflektieren. Auch wenn sie möglicherweise eine Anleitung zum Unglücklich sein ergeben.

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