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Testkunst und Verteilungsgerechtigkeit

25. August 2011 - 15:40

Wer darf sich Künstler nennen? Welche Folgen hat das für die Vergabe von Stipendien?

Wir dokumentieren hier eine Diskussion von der Thing Frankfurt Facebookseite vom Juli 2011.

Re: Testkunst
Hallo Stefan, das ist eine fantastische Idee, sollte man spreaden und ein Flashmob der Bewerbungen lostreten. Spaß beiseite, finde ich auch gut um daraus gleich eine eigene Richtung zu kreieren. LG Helge

Am 06.07.2011 um 14:58 schrieb Stefan Beck: ... > Hallo Helge, > > ich bin ja normalerweise nicht so für "lustige Sachen", aber gestern > abend kam mir der Gedanke. > > Wenn die Hessische Kulturstiftung keine oder keine befriedigenden > Kriterien mitteilen kann, dann schicken wir ihnen Referenzbilder zur
Ausprägung von Kriterien. Woran sie sich üben können.
>>>
>>> Testkunst.

Source: Thing Frankfurt Mailingliste
Published: 2011-07-06 15:41:28 GMT
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Frank: weshalb ist es denn ein ärgernis, oder gar verwunderlich dass es keine objektiven kriterien für stipendien o.ä. gibt?
8:09pm

Thing Frankfurt: Nun, das ist eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Sofern es keine Lotterie ist, haben vielleicht die, die bei der Verteilung knapper Mittel leer ausgehen ein Recht darauf zu erfahren, warum dem so ist.
10:55pm

Guido: folgt man beuys, müssten alle kunststipendien verlost werden. natürlich unter allen menschen.
10:56pm

Frank: verteilungsgerechtigkeit?? weshalb hat man darauf denn anspruch wenn man sich auf ein stipendium bewirbt?? nicht zu vergessen dass es um kunst bzw "künstler" geht- und jeder sich so nennen kann und darf (also immer noch niemand weiß was kun...st und demnach auch ein künstler eigentlich ist) will ich doch meinen dass es ein gewisses lotterie spiel ist. niemand wird gezwungen "künstler" zu sein. man könnte auch profanerer tätigkeit nachgehen um geld zu verdienen. behaupten künstler zu sein und damit ein recht in anspruch zu nehmen finanziert zu werden könnte mit verlaub etwas hochmütig sein. -- und jede vergabe eines stipendiums wird begründet- was gleichermaßen die begründung dafür ist weshalb es der andere nicht bekommen hat. -- ...und wenn schon jmd geld verschenkt (was anderes ist ein stipendium?) kann es ihm frei gestellt sein sich jmd frei zu wählen. einfach so. -- oder man hält es wie guidos beuys :)
18 hours ago

Thing Frankfurt: Frank, dann bist Du sicher auch gegen Gewerkschaften und andere Interessenvertretungen. Denn niemand ist gezwungen in einer Firma zu arbeiten. Oder?
6 hours ago

Thing Frankfurt: Das Geld, das die Hessische Kulturstiftung "verschenkt" ist unser aller Geld. Da halte ich es für legitim nachzufragen, auf welcher Grundlage das geschieht.
6 hours ago

Frank: nee, um gottes willen! bin lange nich so liberal wie sich das oben anhört! aber das ist ein vergleich zwischen äppel und birnen, die sache mit den gewerkschaften. ich denke eben nur dass es keine allgemeingültigen grundlagen gibt, und wahrs...cheinlich auch nicht geben kann. wäre das so könnte ich ja die nächste woche demgemäß was machen, wäre künstler und würde das stipendium bekommen (natürlich überspitzt gesagt). oder besser ich würde genau die bücher schreiben die das nobel-komitee dann küren wird- küren muss, da ich mich ja an die maßregeln der vergabe gehalten habe. --ich denke das ganze ist eben keine matheaufgabe wo es ein "bestanden" gibt. die vergabe verläuft immer (kann nur) irgendwie ungerecht und ist rein subjektiv. man kommt unwillkürlich zurück zu der frage: "was ist kunst" und mehr noch: "welche kunst/welcher künstler hat es verdient stipendiert oder finanziert zu werden?" niemand kann darauf eine befriedigende antwort geben denke ich.
5 hours ago

Thing Frankfurt: Ich finde allerdings, daß der Spielraum zwischen gar keinen Kriterien und mathematischer Notwendigkeit recht groß und keineswegs ausgeschöpft ist. - Und wenn es keine befriedigende Antwort geben kann (nur mal angenommen), dann stellt sich für mich immer noch die Frage, warum die Auswahl allein durch die Institution vorgenommen werden muss, und ob die Ausgewählten da nicht ein Stück mitzureden hätten?
3 hours ago

Frank: zum einen, ganz höflich: warum sollten sie!?!? und zum anderen: wen meinst du mit ausgewählten? die potentiellen künstler-stipendiaten?? und wer ist das? wer wählt die stipendiaten aus? angenommen da ist ein (dann zwangsläufig elitärer kreis) möglicher st. . was machen die, die nicht in dem kreis sind? ein neues THING gründen?? der kreis wird also immer größer, am end ist man wieder oben bei beuys... oder?
about an hour ago

Frank: ah, und: die institution (egal welche) vergibt die mittel, demnach entscheidet sie auch. (und nein ich bin kein fdp-wähler ;) )
about an hour ago

Thing Frankfurt: Ja, ich meine mit Ausgewählte die, die sich zB auf ein Stipendium bewerben. Die könnten aus ihrer Gesamtzahl Vertreter bestimmen, die bei der Vergabe des Stipendium mitentschieden. Selbst wenn dieses Verfahren neue Exclusionen mit sich brächte, wäre es ein Vorteil gegen über dem bisherigen Modell, das gar keine Vertreter kennt.
a few seconds ago

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Resümee:

Die Beiträge von Frank weisen die typische, landläufige Vorstellung von Kunst auf. Jede/r kann sich Künstler nennen. Es gibt keine Antwort auf "Was ist Kunst". Stipendien sind Lotteriespiele.

Was wäre, wenn es genau umgekehrt wäre?

-- Es ist genau festgelegt, wer sich Künstler nennen darf.

-- Was Kunst ist, wird eindeutig beschrieben.

-- Die Vergabe von Stipendien verläuft nach klaren und allgemein nachvollziehbaren Kriterien.

Würde das der Kunst schaden?

Was denkst Du?

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2 Kommentare

Re: Testkunst und Verteilungsgerechtigkeit

05. September 2011 - 09:01

Ich gehe ja schon länger von einem sehr großen Klüngel zwischen den „kunstvereinnahmten” Institutionen und den Vergaben der staatlichen Förderungen aus. Eigentlich wäre dagegen nichts zu sagen, da Klüngel überall vorkommt und natürlicherweise die Förderungen irgendwo verbraten werden müssen. Leider trifft diese Förderung aber leider kaum oder gar nicht mehr undiplomierte und freie, was mich über Stefan Becks Frage nach den Kriterien der Auswahl der Künstler durch die Hessische Kulturstiftung zu folgender Antwort aus diesem Hause brachte:

Sehr geehrter Herr Steinmann,

über die Bewerbungsformalitäten zu unserem Künstlerförderprogramm haben Sie sich wahrscheinlich bereits über unsere Webseite informiert. Was die allg. Auswahlkriterien der Jury betrifft, nach denen Sie gefragt haben, so können wir Ihnen folgende Angaben zur letzten Stipendienvergabe 2011/12 weitergeben:

- besondere Fähigkeiten zu einer eigenständigen Bildfindung und eine kontinuierliche künstlerische Entwicklung mussten erkennbar sein
- Qualität des künstlerischen Schaffens erhielt Vorrang vor besonders originellen Reiserouten und Arbeitsvorhaben

Die nächste Stipendienausschreibung für den Turnus 2013/2014 erfolgt im Herbst 2012. Die Zusammenstellung der Jury ändert sich mit jedem Turnus, daher unterscheiden sich auch die Auswahlkriterien von Turnus zu Turnus.

Wir hoffen Ihnen damit weitergeholfen zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

--
Uta Panthöfer

Eigentlich würde das bedeuten, daß die Entscheidung jedesmal turnusgemäß nach Jury wechselhaft ausfallen müsste. Das es trotzdem nahezu 100% protegierte Abgänger der Kunsthochschulen trifft, diese auch schnell und unkompliziert noch Gelder zur Verfügung gestellt bekommen (habe ich neulich mitbekommen), kann ich als freier nicht gutheißen und zeigt mir an, daß die Aussage wohl nicht richtig ist. Schlußendlich sollte man daher auch freie, ungebundene, nichtdiplomierte und staatlich unbestätigte Kunstschaffende in solche Juryentscheidungen miteinbeziehen. Ich habe mittlerweile den Eindruck, eine reales Erwirtschaften, außerhalb des Staatsapparates, ein wirklich privates Income existiert nicht. Der Staat als Mutterwölfin wie im alten Rom?

Re: Testkunst und Verteilungsgerechtigkeit

05. September 2011 - 17:39

Lieber Helge,

vielen Dank für Deine Ausdauer.

Wenngleich dürftig, doch immerhin eine Antwort. Mit der "Bildfindung" hatte mir Frau Scholz auch schon ähnliches gesagt.

Neu scheint mir die Betonung "künstlerischer Qualität" statt "originellen Reiserouten". Ist ja auch nicht Neckermann -:)

Ja, und schliesslich die Jury. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, daß sie das auf die Jury abwälzen.

Lies mal den Hans Abbing "Why are artists poor?", der analysiert auch in Längen eine Expertenkultur, die sich zwischen die fördernden Institutionen und die Künstler geschoben hat.

Da zitiert er ein Beispiel, worin zwei ganz unterschiedliche Jurys zu dem gleichen Ergebnis kommen. Sein Erklärung ist die einer "prästabilierte Harmonie", mit der sich unterschiedliche Gruppierungen im Kunstsystem austauschen.

Das ist natürlich keineswegs befriedigend. Denn man müsste natürlich wissen, wie genau das geschieht.

Keineswegs überraschend finde ich die Bevorzugung von Absolventen von Kunsthochschulen. Da "künstlerischer Qualität" kaum definierbar ist, wird jeder nur geringste Strohhalm gesucht, der die Bewerber bekannter macht.

Die Jury urteilt wohl weniger über die "Bildfindung", als über das Bild, das der Bewerber in der Öffentlichkeit abgibt.

Grüße
Stefan


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