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MINISALOON - Markt regiert Kunst - ein Interview

29. May 2008 - 14:10

Es ist eine seltene und keineswegs selbstverständliche Sache, wenn KünstlerInnen über ihren Beruf und die damit verbundenen Bedingungen öffentlich reflektieren.

Minisaloon ist das Beispiel einer solchen Reflektion. Für die Veranstaltung "Markt regiert Kunst" in der Frankfurter Eulengasse habe ich im Vorfeld eine Interview mit der Mitbegründerin Verena Lettmayer geführt.

1) Wer und was ist Minisaloon? Seit wann gibt es Euch?

Der MINISALOON ist eine Gruppe von fünf Künstlerinnen, die sich im Kontext von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik bewegt.

Der MINISALOON trifft sich regelmäßig und interessiert sich für Kunstprojekte, bei denen der Prozess und die Interaktion im Mittelpunkt stehen. Kulturelle und gesellschaftliche Entwürfe werden dabei integriert. Kunst und Kultur werden als aktiver Teil einer Gesellschaft verstanden.

Die fünf Künstlerinnen haben für den öffentlichen Auftritt „Künstlernamen“ gewählt: Tania La G., Verena la Artista, Gisella Asteroide 152, La Vero N.N. & Eva Apple. Diese Namen funktionieren als Avatare, denn wir gehen davon aus, dass wir uns mit Themen beschäftigen, die auch für viele andere relevant sind.

Eines der ersten Projekte des MINISALOONS war die Verfassung eines vorläufigen MINIFESTS, das zum Ziel hat, die existenzielle und gesellschaftliche Relevanz von Kunstschaffenden zu formulieren.

Es bietet die diskursive Grundlage für öffentliche Gespräche, die sich in Folge auch mit konkreteren Themen beschäftigen werden.

Unser Ziel ist übrigens langfristig, mit unseren Ideen die Welt zu erobern. Daher forcieren wir die Übersetzung unseres MINIFESTES in möglichst viele Sprachen. Bis dato sind es, deutsch eingeschlossen, sieben an der Zahl.



2) Was hat Euch zu seiner Gründung veranlasst? Warum jetzt? Gab es vielleicht ein einschneidendes Ereignis?

Die Themen um die es geht, wie z.B. Existensängste, die Daseinsberechtigung und Sinnhaftigkeit von Kunst/Kultur (Stichwort: "Luxus"), und verwandte Themen sind allgegenwärtig, bei mir, bei uns, wie auch bei unserem sozialen Umfeld.

Ständig werden in Privatgespräche diese oftmals doch höchst demprimiereden Themen angeschnitten, und ganz schnell neigt man dazu, sich gegenseitig herunterzuziehen, da man mittlerweile ein Gefühl immenser Ohnmacht verinnerlicht hat. Und das alles ist sicherlich gar nicht gut für die Gesundheit.

Also war unsere Idee, diese Gespräche auf eine andere Ebene zu stellen, auf eine Diskursebene; denn sie sind ja keine Individualthemen. Es ist dies fast ein psychologischer Trick, um bestimmte bedrückenden Phänomen nicht zu nahe an sich heranzulassen, sondern sie weiterzugeben, in eine Öffentlicheit, an ein Publikum, das dann eingeladen ist, sich damit auseinander zu setzen. "Öffentlichkeit" ist hierbei ganz wichtig.

Und dann saß ich eines Tages in einen Park in Offenbach, und begann, dieses MINIFEST zu formulieren. Und da einige von uns sich ohnehin schon regelmäßig "privat" getroffen hatten, um über allerhand kulturelle und gesellschaftlicheh Themen zu quatschen, konnte man auch gleich etwas offizielleres daraus machen. Geht schließlich alle was an!



3) Die kommende Veranstaltung heisst "Markt regiert Kunst". Um welchen Markt geht es, und wie versteht ihr ihn?

... MARKT ist natürlich wieder einer dieser unscharfen Begriffe, wie eigentlich alle anderen Begriffe auch.

Der Titel bezieht sich zunächst auf das unbestimmte, von Ohnmacht geprägte Gefühl, in seinem Tun permanent den Marktgesetzten von Angebot und Nachfrage ausgeliefert zu sein. Und wie oft mussten wir schon den folgenden Satz hören "Na, ja, Kunst braucht man ja nicht wirklich." ... will heißen, hier fehlt die Nachfrage ... und dann gibt es ja mittlerweile viel zu viel Künstler*innen auf dem Markt, auch eine verbreitete Ansicht.

Wir wollen in unserer kommenden Veranstaltung den verschiedenen Bedeutungsebenen von MARKT nachspüren, und der Frage nachgehen, inwieweit ein MARKT, eine MARKTWIRTSCHAFT überhaupt funktioniert, oder ob dieses System nicht vielleicht gründlich versagt hat (was es stets bestens zu verschleiern weiß) ... bzw. wie man sich in bestehenden MARKTstrukturen behaupten kann.

Auch in unserer Gruppe gibt es übrigens verschiedene Sichtweisen auf das System MARKT, die mehr oder auch weniger skeptisch sind. Da wir keine einheitlichen Antworten geben können und wollen, wurde der Ankündigungstext auch als Auflistung von Fragen formuliert (denn was Judith Butler kann, können wir auch!)



4) An wen richtet sich die Veranstaltung? Nur an Künstler?

Auch, aber nicht nur. Kunst und Kultur sind in unserer Auffassung ja nicht abgetrennt vom Rest der Gesellschaft.

Der MINISALOON will Bewusstsein und Selbstbewusstsein schaffen, bei Kunstschaffenden ebenso wie bei Außenstehenden.

* * *

--> http://minisaloon.blogspot.com/

Diskussionsgespräch
SONNTAG 1. JUNI , 15:00
kunstraum EULENGASSE.
eulengasse 65
60385 frankfurt

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2 Kommentare

Re: MINISALOON - Markt regiert Kunst - ein Interview

30. May 2008 - 14:45

Hallo,

das, was diese 5 Frauen da machen, ist sowas von wichtig, und der Kunst (ich meine die OHNE Markt, die, die eben einfach IST, egal, für wen und wie die Reaktionen sind bis hin zu KEINEN Reaktionen...) können solche Gespräche nur gut tun!

Ich kann leider für meinen privaten Umkreis nicht bestätigen, dass man mit allen schnell auf diese Themen (auf das Thema "Kunst" überhaupt) kommt, aber unter Kunstschaffenden ist das selbstverständlich so. (Wobei sich wieder einmal die Frage stellt: sind Kunstschaffende bzw. deren Arbeiten nur FÜREINANDER da?? Was denkt, sagt, welches IST das Publikum eigentlich? Warum finden nicht viel öfter Gespräche statt, weil sie sich quasi AUFDRÄNGEN...?)

Vielleicht kommt die Resignation unter den Kreativen aus einer "falschen" Herangehensweise an den Begriff. Wenn man den Markt im Hinterkopf hat, ihn mitbedenkt und mitberücksichtigt, ist man selbstverständlich dessen Kriterien unterworfen und wird in diesem Metier vielleicht dann zwangsläufig enttäuscht... anders, wenn man von der Kunst nichts erwartet als den Gesprächseinstieg, den Dialogbeginn. Wenn man dann davon ausgeht, dass nicht jeder darauf "einsteigt", kommt man ganz schnell dahin zu sehen, dass das ja auch bei vielen anderen Themen, zwischen vielen anderen Menschen so ist, aber man das DORT auch nicht so erwartet. Will sagen: man glaubt, meint, HOFFT, die Kunst müsse für alle gleichermaßen relevant sein - und das ist sie natürlich nicht. Unter anderem meines Erachtens sicherlich, weil die Markt-Kunst soweit weg von den meisten "Normalos" ist oder von denen, die sich selbst als solche empfinden... wie kann da die Relevanz ernsthaft gefühlt werden, ohne dass die Menschen ein Gefühl von Inkompetenz, nicht-betroffen-Sein, Lächerlichkeit beschleicht...

... und die "andere" Kunst, die, die einfach IST, die keinen Markt hat und ihn auch nicht benötigt, ist gar nicht bekannt... man traut ihr nicht(s zu); sie hat in den Augen der Meisten noch weniger Berechtigung als die etablierte, angesehene.......

Kunst muss wieder unter Menschen, und zwar alle Kunst unter alle Menschen! Wer sich dann nicht angesprochen oder betroffen fühlt, ist es vielleicht wirklich nicht, bis ihn das eine Kunstwerk berührt, das eine, was es dann aber mit absoluter Sicherheit irgendwo auf der Welt für ihn gibt!

Ist das vielleicht ein Ansatz...?

Wenn ich nicht meilenweit weg wäre... ich wäre am 1. Juni dabei!

Viele Mit-Streiter und konstruktives Vergnügen wünscht herzlich

Sabine Pint

Re: MINISALOON - Markt regiert Kunst - ein Interview

30. May 2008 - 17:35

Guter Diskussionsgrundstoff. Gibt es diesen Markt überhaupt oder ist er nur künstlich geschaffen um Steuerspar- und Abschreibungsmöglichkeiten zu bieten (letzteres ist meine Meinung)? Wichtig ist doch auch die Frage ob nicht alles Kreative, respektive Kunst der Ursprung jeglichen Geschäftes ist. In diesem Zusammenhang wäre der Aspekt der Faktorisierung von Kunst ziemlich wichtig. Mal schauen. Viel Erfolg. Vielleicht bis Sonntag. Bomber


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