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Flickr und das Foto

27. April 2007 - 13:28

Die Fotobörse flickr gehört zu jenen Webanwendungen des Feldes Web 2.0, die nach kurzer Zeit von einem der Saurier des Web 1.0 (Yahoo) gekauft wurde. Für angeblich 30 Mio. Dollar. Im Vergleich zu den 1.6 Mrd. Dollar, die Google für YouTube bezahlt hat, ist das sehr wenig. Warum?

Ich glaube, das hängt mit dem Status von Fotografie zusammen. Während Video und Musik (mp3) den Mainstream vollständig beherrschen, besitzt das Foto eine Existenz zweiten Ranges im öffentlichen Bewußtsein.

Bilder, Fotos sind überall, beherrschen den öffentlichen Raum als Werbung. Lassen sich auch durch kurze Beschreibungen evozieren. Wie Michael Schirner einmal in einer Kampagne demonstriert hat: "Ein NVA Soldat springt über frischen Stacheldraht in den Westen Berlins." "Der Polizeichef von Saigon erschiesst einen Vietcong."

Diese Bilder sind bekannt, gespeichert, ohne daß sie explizit vorhanden sein müssten in einer Galerie, einem Museum. Aber wir kennen ihre Urheber nicht. Fotografen sind uns als Künstler in der Regel nicht geläufig.

Video, als Abkömmling des Films, und Musik werden bei ihrem Erscheinen in den Massenmedien in aller Breite angekündigt, kommentiert und kritisiert. Musik hat seit Ewigkeiten Charts, Video MTV und Film die Oscars und entsprechenden Festivals. Ihre Protagonisten werden als Stars vermarktet und ebenso konsumiert.

Fotografie ist immer da, wird aber nie als solche explizit angekündigt. Besprechungen von Fotografie findet fast nur in Fachzeitschriften statt. Fotografie als Kunst ist trotz aller Aufwertung eine Nische für Kenner.

Es gibt eine Fotoindustrie, wie es eine Filmindustrie und eine Musikindustrie gibt. Aber sie ist mitten unter uns. Ist quasi Alltag. Jeder knipst.

Bliebe als Annahme zurück, der Wert eines Mediums ist durch die Erwartungen bestimmt, die sich aus seinem Gebrauch erwarten, erhoffen lassen. Mein Ruckelvideo auf YouTube, ich schliesse zu David Lynch und Quentin Tarantino auf. Mein Heimgesang auf myspace.com, ich bin die neue Kylie Minogue. Beides zusammen katapultiert mich auf MTV.

Das ist mit Fotografie nicht möglich. Oder noch nicht? Viele Freunde und Clicks sind auf flickr realistisch. Zum Star reicht es aber nicht.

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1 Kommentar

Re: Flickr und das Foto

30. April 2007 - 12:44


Womit verdienen Sie ihr Geld? Mit Spekulationen? Der Unterschied zwischen Nullen der Ersten Generation und Webzwo-Nullen ist kurz gesagt der, dass sich der Wert ihrer Unternehmen nicht mehr am reinen goodwill benmisst sondern das ernsthaft (kaufmännisch) nachgerechnet wird. Und wer das Vermarktungspotenzial von flickr hochrechnet kommt zu einem ungleich kleineren Wert als dem von youtube. Und nur der wird noch bezahlt. Hinter youtube stecken schlicht und einfach ungleich größere Märkte. Die Umsätze mit Fotografierausrüstungen, -zubehör, Verbrauchs- und Präsentationsmaterial sind ein Klacks gemessen am Volumen allein der Musikindustrie und allem, was an cross-selling und merchandizing da dran hängt.

Wie bitte? Sie glauben es ginge bei flickr um das Fotografieren? Um die Kunst oder wenigstens doch das Geschäft Fotografen gar? Sie sind ja lustig! Die „Fotoindustrie“ hat das Konzept der „Foto-Klubs“ lange als zentrales Medium der Verkaufsförderung und Pflege eines Massenmarktes zur Seite gehabt und gefördert. Genau dieses Medium führt flickr fort, denn auch hier gilt: In jedem neuen Medium steckt erst einmal ein altes. Und was sie dort sehen ist folglich nichts anderes das sich in der Reproduktion der „optisch unbewussten“ Techniken und ästhetischen Codes des Foto-Amateurs produzierende Mittelschichtsmilieu. Wenn sie das „mainstream“ nennen, verschleiert das etwas den Blick darauf, das diese milliardenfache Reproduktion des Immergleichen ein wesentliches Element des Dominanzstrebens dieser -und nur dieser- Schicht ausmacht, in dem sie sich dergestalt, in diesen Praktiken ihrer selbst als Gemeinschaft versichert. Das von soziologischem Wissen und Können gänzlich unberührte Gequatsche vom „digital lifestyle“ quasselt einfach darüber hinweg, das wir in flickr kaum etwas anderes sehen als die -unsäglich tröge- Fototapete der neuen Mitte.


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