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Homepage adé - jetzt kommt Myspace.com

30. December 2006 - 21:28

In letzter Zeit häufen sich bei mir Mails, - Eventankündigungen -, die mit einem Link auf Myspace.com enden. Ja, regelrecht unterzeichnet sind.

Nun ist es nicht ungewöhnlich einen Newsletter mit einem Link auf eine weiter ausführende Webseite zu versehen. Warum aber seit Kurzem immer mehr Myspace?

Wenn der Link auf Myspace einer Unterschrift, einer Signatur gleich kommt, wird also die Identität des Absenders beglaubigt?

Eine Email zu fälschen, oder zu verfälschen ist kein Problem. Alle Angaben sind grundsätzlich ohne Gewähr.

Ich glaube Myspace.com ist die neue Form der Homepage. Vor über 10 Jahren waren wir glücklich, überhaupt eine Internetadresse, quasi als Existenzberechtigung, zu besitzen. Monster wie www.stud.rz.uni-frankfurt.de/~halbe/public/home/index.html wurden freudig verkündet und ausgetauscht.

Dann kamen die Massenhoster wie Strato oder 1&1 und "beglückten" uns mit personalisierten Adressen in der Form von www.erika-mustermann.de, - Name gleich Adresse. Ein Israeli soll sogar soweit gegangen sein, seinen Nachnamen gerichtlich in Com umgeändert zu haben, um unter www.tom.com erreichbar zu sein.

Daß das nicht mehr genügt, liegt an der ewig neuen Problematik des Internets Identität herzustellen, Identität behaupten und belegen zu müssen. Wer spricht? Wer ist mein Gegenüber? Ein Turing Test.

Auf den ersten Blick wirkt Myspace.com darin keineswegs als Fortschritt. Außer einer funktionierenden Email Adresse verlangt Myspace keinerlei Nachweis der Identität. Folglich sind alle Usernamen, alle Angaben, aber auch Bilder und Videos als möglicherweise frei erfunden zu betrachten. Können auch immer wieder geändert werden.

Die einzige Form von Beleg, von Beglaubigung sind die Freundesbeziehungen. Der grosse Unterschied, der Myspace von anderen Blogs abhebt, ist die Möglichkeit andere User als Freunde hinzuzuziehen. Anders als Links, die beliebig gesetzt werden können, verlangt die Freundschaft bei Myspace eine Bestätigung durch den User, der befreundet werden soll.

Prinzipiell ist nicht ausgeschlossen, daß sich lauter Avatare, quasi als Linkrobots, gegenseitig befreunden. Glaubwürdig in großem Stil ist das nicht.

Die Freundschaftsbeziehungen bei Myspace sind eine Form sozialer Kontrolle. Wer viele Freunde hat ist glaubwürdig, ist real. Der Link auf Myspace ist also der Unterpfand meiner Glaubwürdigkeit durch andere.

Innerhalb des dreiwertigen Kalküls Gotthard Günthers wäre damit die normale Homepage (Name = Adresse) einfache Reflektivität (Reflektion in sich), Myspace.com als soziale Seite dagegen doppelte Reflektivität, also Reflektion in sich in andere(s).

Die Funktionen von Myspace.com betonen weniger ein bestimmtes Produkt, wie es flickr oder youtube mit Foto und Film herausstellen, als die allgemeine Kommunikation, zu der Chat ("jetzt online"), Forum, Bulletin und Kalender beitragen. Myspace.com ist Gemeinwesen, Community. Neu daran, nicht auf Identität gründend (denn die ist nicht sonderlich stabil), sondern Identität herstellend, erfindend, im Austausch mit Anderen. Ich werde ich erst durch Myspace.com.

Myspace, ergo sum.

www.myspace.com/realbeck

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