Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?

 Posted by: stbeck on Tuesday, May 30, 2006 - 18:04
Wir suchen Künstler und Künstlerinnen, denen die Kunst/Kritik nicht als ihrem Werk äusserliche hinzukommt, sondern immanent im Werk verankert ist. Gibt es solche?

Kritische Künstler, politische Künstler, - solche gibt es zuhauf. Jüngstes Beispiel hier in Frankfurt die Künstlerin Esra Ersen, die den Spruch "there is no demonstration in Disneyland" an die Alte Brücke geschraubt hat.

Und damit ist sie keinesfalls eine "Seltenheit", wie eine Kuratorin vom Frankfurter Kunstverein meint. Gesellschaftskritische, politisch motivierte Kunst hat eine Tradition, die mindestens in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Hans Haake sei nur als herausgehobenes Beispiel zu nennen.

So verschieden die Ansätze sein mögen, gemein ist ihnen, etwas der Kunst externes zu thematisieren, - das Feld der Macht, wie es Bourdieu nennen würde.

Wir suchen hingegen Künstler, die das Feld der Kunst selbst kritisch untersuchen, in seiner Eigenschaft als Subfeld des Machtfeldes- Bourdieus These reflektieren, nach der die Intellektuellen die unterdrückte Fraktion der herrschenden Klasse seien.

Mir fallen da vor der Hand drei Vertreter ein. Joseph Kossuth, der in seinen Aufsätzen Praktiken des Kunstbetriebs kritisierte, und eindeutig Namen nannte ("Museum of Modern Art"). [In dem Zusammenhang wäre noch eine genauere Untersuchung der Gruppe "Art and Language" angebracht.]

Peter Weibel hat hin und wieder mit scharfen, beinahe blasphemischen Äusserungen auf sich aufmerksam gemacht. "Galerie = Gefängnis = Psychiatrie etc". Lässt allerdings (vielleicht bewußt) offen, ob solche Bemerkungen nicht eher dem Kritiker/Kurator als dem Künstler Weibel zukommen.

Reiches Material findet sich schliesslich bei Michael Lingner. Sein Begriff der "Post Autonomie" stellt den derzeitigen Ausstellungsbetrieb und damit den Kunstbetrieb in Frage. Ebenso finden sich bei ihm Untersuchungen zu Selektionsmechanismen im Kunstbetrieb, Stipendien, Preise, Förderkritierien.

Von eher implizierter Natur sind die Arbeiten von Wolfgang Staehle und Sal Randolph. Staehle hat 1991 mit der Mailbox The Thing in New York versucht, den Künstler ihre Stimme zurückzugeben, die sie an Kritiker, Galeristen und Kuratoren verloren hatten.

Sal Randolph, ebenfalls aus New York, initiiert Beteiligungsmodelle, die Auswahlmechanismen unterlaufen sollen. "Free Words", "Free Biennal" und "Free Manifesta" waren Projekte, die es jedermann erlaubten, einen Beitrag zu leisten, ob künsterlisch oder nicht. Demokratisierung statt undurchsichtige Marktmechanismen.

Sollten das alle sein?
Helfen Sie uns weitere Beispiele zu finden.

---

Post Scriptum

Die Fragestellung hängt aufs engste mit der Konzeption von The Thing Frankfurt zusammen. Zwar versteht sich Thing Frankfurt als kritisches Medium, aber nicht im Sinne einer orthodoxen Kunstkritik. Thing Frankfurt möchte eher Beispiel, Anreiz zur Nachahmung sein, als unhinterfragte Autorität.

Die scharfe Trennung zwischen Kunst und Kunstkritik gilt es aufzulösen. Während sie im 19. Jahrhundert dabei half ein autonomes und professionelles Feld der Kunst aufzubauen, ist sie heute als überholt anzusehen. Weil es in sich abgeschlossene und autonome Kunstwerke nicht mehr gibt. Siehe hierzu Lingner.

Daß ihr Schisma auch und insbesondere an den Kunstakademien weiterhin tradiert wird, liegt darin, sie die Macht der Kritiker und Kuratoren bestätigt. Die wiederum ein institutionalisierten Brückenschlag zum Feld der Macht bilden. Eines ihrer wesentlichen Momente dürfte sein, daß sie die Rollenteilung von Produzent und Rezipient weiterhin aufrecht erhalten, als blosse Fassade Markt und Öffentlichkeit vorstellen. Hingegen sind die Kuratoren/Kritiker ebenso und vielleicht noch mehr Produzenten von Kunst als die Künstler selbst. Dies soweit als erste Überlegung.

 

 
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Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie? | 20 Comments

Comments

Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on May 30, 2006 - 10:16

SPK



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 14, 2006 - 11:41

ich glaube institutionskritisches arbeiten ist momentan einfach nicht "en vogue", da gab es in den 70er, 80er und frühen 90er jahren einige prominente vertreter. wenn die malerei- und die noch anstehende skulpturwelle überstanden sind, wird das aber sicher wieder ausgekramt. ich überlege schon eine ganze weile, ob mir aktuelle vertreter einfallen, jedoch ohne erfolg.



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 14, 2006 - 11:46

wahrscheinlich muss man eher auf der seite der kunstnahen theoretikerInnen suchen.
in der charles esche-, marion von osten-, simon sheik- und so weiter-ecke. vielleicht.



Re: institutionskritisches arbeiten
by stbeck on Jun 14, 2006 - 03:08 http://www.stefanbeck.de

Wir haben ja nun seit anfang der 90er gradezu eine explosion sog. politischer kunst gesehen.

Meine hypothese: es handelt sich um eine art von stellvertreterkrieg, der eigentlich dem kunstbetrieb selbst gilt.

Leider lässt sich das kaum von aussen beweisen.



Re: institutionskritisches arbeiten
by Guest on Jun 14, 2006 - 09:31

leider wurde von der (offiziellen kunst)kritik ja spätestens mit der 3. berlin biennale verkündet, dass politik in der kunst nichts zu suchen hat. und die gerade zu ende gegangene 4. bb hat dem noch eins oben drauf gesetzt mit ihrem grundthema der "kunst als rätsel". "politische kunst" ist - mal abgesehen von einigen reservaten - momentan definitiv diskreditiert.
den von dir angesprochenen politischen projekten zu anfang der 90er jahre (büro bert, anyp und so) ging es mit sicherheit darum etwas am betriebssystem zu ändern bzw. ein anderes system zu etablieren, aber derzeit sehe ich solche versuche nicht.



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 15, 2006 - 08:47

in diesem zusammenhang konnte die folgende publikation von interesse sein:
"European Cultural Policies 2015"

gibt's als gratis-download hier:
www.eipcp.net/
European Institute for Progressive Cultural Policies

This new book about future developments in European cultural polices has been produced in a cooperation between eipcp, IASPIS (Stockholm) and Åbäke (London).

Maria Lind, Raimund Minichbauer (ed.), European Cultural Policies 2015, London, Stockholm, Vienna 2005
ISBN 3-9501762-4-1

with texts by: Hüseyin Bahri Alptekin, Branka Curcic, Rebecca Gordon Nesbitt, Tone Hansen, Frédéric Jacquemin, Oleg Kireev, Maria Lind, Raimund Minichbauer, Gerald Raunig, Cornelia Sollfrank



European Cultural Policies
by stbeck on Jun 15, 2006 - 06:36 http://www.stefanbeck.de

Danke für den Hinweis. Hab ich beim Googlen nach Marion von Osten auch schon gefunden. Da ist tatsächlich einiges an Material.



Re: institutionskritisches arbeiten
by stbeck on Jun 15, 2006 - 06:40 http://www.stefanbeck.de

Tatsächlich habe ich auch an büro bert und minimal club gedacht.

Mir ist allerdings nicht klar, ob dort auch explizit der Kunstbetrieb thematisiert wurde.

Zuhause hab ich den Band "geld beat synthetic" stehn, da gehts um AIDS und Gentechnik.

Mich interessieren nun Künstler, die sich speziell zum Kunstbetrieb selbst äussern. Grade erfahre ich, daß Nicolaus Schafhausen zum deutschen Biennale Direktor ernannt wurde.

Ob es nur einen Künstler gibt, der das öffentlich kommentiert?



Re: institutionskritisches arbeiten
by Guest on Jun 16, 2006 - 10:55

schafhausen hat sich angeblich gegen folgende konkurrentinnen durchgesetzt:
bernhard schwenk
ute meta bauer
susanne titz
heike munder
bice curiger
stefan berg
kay heymer

würden wir jemanden aus dieser liste herrn schafhausen vorziehen? oder haben wir noch alternativvorschläge? wer sollte für "deutschland" kuratieren?



Re: institutionskritisches arbeiten
by Guest on Jun 16, 2006 - 12:12

büro bert, minimal club etc. haben durch die einführung neuer arbeitsweisen (teamwork vs. individualkünstler) und gesellschaftspolitischer themen auf eine veränderung (oder eher erweiterung) des betriebssystems hingearbeitet, weniger durch eine direkte thematisierung des systems selbst.



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 16, 2006 - 12:53

wie wäre es damit:
www.k3000.ch/bulletin/kollektive_arbeit/archive/site002.html

(Soweit ich mich erinnern kann wurde das Projekt in der Springerin damals aber ziemlich verissen)

Pension Stadtpark – Kunst und Dienstleistung
Ein Beitrag des Forum Stadtpark zum steirischen herbst, Graz 1996
21. September bis 2. Oktober 1996

"Wenn es kaum mehr einen Markt für Kunst im 'konventionellen' Sinn geben wird und projektbezogene künstlerische Arbeiten nicht honoriert werden, wie soll dann von künstlerischer Produktion gelebt werden (zumal sich auch der Staat als Förderer und Marktsubstitut zum Rückzug gezwungen sieht)? Was leisten KünstlerInnen, wen adressieren sie und inwiefern (und von wem) sollen sie für diese Leistungen entschädigt werden?" (Michael Zinganel)



Büro Bert
by stbeck on Jun 16, 2006 - 04:46 http://www.stefanbeck.de

Ja, das stimmt. Das nehme ich auch positiv zur kenntnis und behalte es in guter erinnerung.

Im sinne Benjamins ("der autor als produzent") haben sie nicht bloss einen markt beliefert, sondern einen neuen geschaffen.



Re: Schafhausen
by stbeck on Jun 16, 2006 - 07:45 http://www.stefanbeck.de

Nein, ich würde ganz bestimmt niemanden aus dieser liste herrn schafhausen vorziehen.

Mein vorschlag wäre: könnten die künstler nicht selbst entscheiden, wie sie auf der Biennale vertreten werden?

Ich könnte mir eine online plattform vorstellen, auf der das diskutiert würde. Das wäre mal ein demokratischer ansatz.

Nicht so:

"Die Entscheidung fiel im Außenministerium. Der Ausschusses für Kunst und Ausstellungen des Auswärtigen Amts gab seine Empfehlung an Minister Frank-Walter Steinmeier (SPD)weiter."



Re: Biennalen-Online-Plattform
by Guest on Jun 17, 2006 - 02:20

da die nächsten beiden male schafhausen am kuratieren ist, bleiben noch 4 jahre bis zur nächsten entscheidung. genug zeit also, um in den entscheidungsprozess aktiv einzugreifen und die online-plattform zu realisieren!







Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 17, 2006 - 02:27

Mir fallen zwei ein, die aber auch nur knapp an den von dir gesuchten typus herankommen:
1. Wochenklausuren. Die gruppe bedient sich der ressourcen des betriebssystems kunst um externe soziale misstände aufzudecken und zu beseitigen.
2. Jens Haaning. Deklariert Lebensmittel und Flugtickets zu Kunstwerken und verkauft sie zum ermäßigten steuersatz.



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Jun 17, 2006 - 02:42

Ein "Mark Lombardi" für das Kunstsystem muss her.
de.wikipedia.org/wiki/Mark_Lombardi
en.wikipedia.org/wiki/Mark_Lombardi



Diese Sucherei geht doch etwas am Konzept der Kuratorin vorbei:
by Guest on Jun 26, 2006 - 08:19

Wie viele der von Euch erwähnten KünstlerInnen sind denn mit der Kuratorin befreundet? Das scheint eine Grundbedingung für die ersten Ausstellungen zu sein. Und da muß sie sich halt was einfallen lassen, warum sie die nun im KV positioniert. Und bei Ersen ist außer einer gesellschaftspolitisch angehauchten Komponente, die im KV tatsächlich eher selten anzutreffen ist, nicht viel zu holen.



Befreundet?
by stbeck on Jun 26, 2006 - 09:34 http://www.stefanbeck.de

Befreundet????

Also, ich hatte mal folgende Geschichte erlebt. War im Portikus so eine Diskussionsveranstaltung mit allerhand Big Names (Obrist usw.). Frage ich die, wie sie das schaffen, alle diese Künstler zu mögen, wirklich zu schätzen, die sie jedes jahr ausstellen, Jahr für Jahr.

Sagt diese Tante vom Kunstverein zu mir: "Ja, man muss die Künstler doch gar nicht mögen. Sie müssen nur ins Konzept passen."

Klingt eingentlich gut. Aber welcher Kurator/in mag wohl Künstler ausstellen, die gegenüber Kuratoren kritisch eingestellt sind?



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Aug 29, 2011 - 09:41

Hier zum Beispiel: Projekt Rollentausch „Der Künstler als Kritiker", 100 kritische Texte von Carsten Reinhold Schulz aus dem Blog-und Kunstprojekt (Buch im dizzy … Verlag). Arbeiten zur Rolle des Künstlers und zur sozialen Kraft von Kunst seit 1989. (siehe auch Culturwert:Sammlung, in Kooperation mit verschiedenen Goethe-Instituten des Auslands, Ausstellung Museum für Volk und Wirtschaft und Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen von „Junge Kunst in Netzwerken“, Buch. KULTURWERT 100 Künstler schreiben über ihre Rolle und Funktion, VWF Verlag, ebenso erschienen: Radiosendung und Hörbuch-Edition) www.carstenreinholdschulz.de und www.carstenreinholdschulz.blogspot.com



Re: Künstler Kritiker oder Künstlerkritiker - wo sind sie?
by Guest on Aug 31, 2011 - 03:01

Herzlichen Dank für den Hinweis auf „Der Künstler als Kritiker". Ich denke, das geht in die Richtung, die wir suchen. Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden.