Kritische Künstler, politische Künstler, - solche gibt es zuhauf. Jüngstes Beispiel hier in Frankfurt die Künstlerin Esra Ersen, die den Spruch "there is no demonstration in Disneyland" an die Alte Brücke geschraubt hat.
Und damit ist sie keinesfalls eine "Seltenheit", wie eine Kuratorin vom Frankfurter Kunstverein meint. Gesellschaftskritische, politisch motivierte Kunst hat eine Tradition, die mindestens in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Hans Haake sei nur als herausgehobenes Beispiel zu nennen.
So verschieden die Ansätze sein mögen, gemein ist ihnen, etwas der Kunst externes zu thematisieren, - das Feld der Macht, wie es Bourdieu nennen würde.
Wir suchen hingegen Künstler, die das Feld der Kunst selbst kritisch untersuchen, in seiner Eigenschaft als Subfeld des Machtfeldes- Bourdieus These reflektieren, nach der die Intellektuellen die unterdrückte Fraktion der herrschenden Klasse seien.
Mir fallen da vor der Hand drei Vertreter ein. Joseph Kossuth, der in seinen Aufsätzen Praktiken des Kunstbetriebs kritisierte, und eindeutig Namen nannte ("Museum of Modern Art"). [In dem Zusammenhang wäre noch eine genauere Untersuchung der Gruppe "Art and Language" angebracht.]
Peter Weibel hat hin und wieder mit scharfen, beinahe blasphemischen Äusserungen auf sich aufmerksam gemacht. "Galerie = Gefängnis = Psychiatrie etc". Lässt allerdings (vielleicht bewußt) offen, ob solche Bemerkungen nicht eher dem Kritiker/Kurator als dem Künstler Weibel zukommen.
Reiches Material findet sich schliesslich bei Michael Lingner. Sein Begriff der "Post Autonomie" stellt den derzeitigen Ausstellungsbetrieb und damit den Kunstbetrieb in Frage. Ebenso finden sich bei ihm Untersuchungen zu Selektionsmechanismen im Kunstbetrieb, Stipendien, Preise, Förderkritierien.
Von eher implizierter Natur sind die Arbeiten von Wolfgang Staehle und Sal Randolph. Staehle hat 1991 mit der Mailbox The Thing in New York versucht, den Künstler ihre Stimme zurückzugeben, die sie an Kritiker, Galeristen und Kuratoren verloren hatten.
Sal Randolph, ebenfalls aus New York, initiiert Beteiligungsmodelle, die Auswahlmechanismen unterlaufen sollen. "Free Words", "Free Biennal" und "Free Manifesta" waren Projekte, die es jedermann erlaubten, einen Beitrag zu leisten, ob künsterlisch oder nicht. Demokratisierung statt undurchsichtige Marktmechanismen.
Sollten das alle sein?
Helfen Sie uns weitere Beispiele zu finden.
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Post Scriptum
Die Fragestellung hängt aufs engste mit der Konzeption von The Thing Frankfurt zusammen. Zwar versteht sich Thing Frankfurt als kritisches Medium, aber nicht im Sinne einer orthodoxen Kunstkritik. Thing Frankfurt möchte eher Beispiel, Anreiz zur Nachahmung sein, als unhinterfragte Autorität.
Die scharfe Trennung zwischen Kunst und Kunstkritik gilt es aufzulösen. Während sie im 19. Jahrhundert dabei half ein autonomes und professionelles Feld der Kunst aufzubauen, ist sie heute als überholt anzusehen. Weil es in sich abgeschlossene und autonome Kunstwerke nicht mehr gibt. Siehe hierzu Lingner.
Daß ihr Schisma auch und insbesondere an den Kunstakademien weiterhin tradiert wird, liegt darin, sie die Macht der Kritiker und Kuratoren bestätigt. Die wiederum ein institutionalisierten Brückenschlag zum Feld der Macht bilden. Eines ihrer wesentlichen Momente dürfte sein, daß sie die Rollenteilung von Produzent und Rezipient weiterhin aufrecht erhalten, als blosse Fassade Markt und Öffentlichkeit vorstellen. Hingegen sind die Kuratoren/Kritiker ebenso und vielleicht noch mehr Produzenten von Kunst als die Künstler selbst. Dies soweit als erste Überlegung.


