Derrida: „Ihr Sexualleben. Sie wollten eine schnelle Antwort. Dass sie über ihr Sexualleben reden.“
Das klingt ein wenig provokativ. Beim weiteren Nachdenken kommen mir einige Fragen und Gedanken.
Das Sexualleben. Reicht es nicht aus, daß es in beliebiger Menge Fernsehsendungen und Magazinbeiträge gibt, in denen von nichts anderem die Rede ist? Wer mit wem, wo, wie oft?
Daß es Foren im Internet gibt, wie MySpace [2], wo die Beteiligten von sich aus über ihr Sexualleben sprechen, und ihren Exhibitionismus offensichtlich auch geniessen?
Daß mir in der Geschichte nur eine (männliche) Gestalt einfällt, die durch ihr Sexualleben verewigt wurde. Casanova. Gibt es noch andere?
Es bleibt die grundsätzliche Frage, was an dem Privatleben einer bedeutenden Person über ihr Werk hinaus noch interessant sein könnte.
Proust hat sich bekanntlich intensiv mit dieser Problematik beschäftigt, musste er doch – zu Recht – fürchten, daß sein Werk nicht genügend von seiner Person getrennt werden würde. (Als „Unterhaltungsbeilage zum Gotha“, wie Walter Benjamin formulierte. [3])
Seine Kritik galt dem Literaturkritiker Saint-Beuve, dem er vorwarf, das Leben der Autoren über ihre Bücher zu stellen. (Biographismus).
„Der Fehler [...] von Saint-Beuve besteht darin, den umgekehrten Weg zu gehen, den der Künstler geht, um sich zu verwirklichen, er besteht darin, den wirklichen Fantin oder Manet, denjenigen, der sich nur in seinen Werken findet, mit Hilfe des vergänglichen Menschen zu erklären, seinen Zeitgenossen gleich, voller Fehler geschaffen, dem eine originelle Seele angekettet war und gegen den diese sich wehrte, von dem sie sich durch die Arbeit zu trennen, zu befreien suchte.“ [4]
Der „vergängliche Mensch“, - wieso interessiert er überhaupt?
Es sei das psychoanalytische Setting betrachtet, worin der Analysant fast alles von sich preisgibt, der Analytiker fast nichts. Was zu dem Phänomen der Übertragung führen kann und soll, darauf der Analysant über den Analytiker phantaisert, ihm Eigenschaften zuschreibt, die er haben kann oder auch nicht.
Jegliches Zusammentreffen zwischen zwei Unbekannten erzeugt Angst, erzeugt aus der grundsätzlich gegebenen Differenz des Anderen. Die daraus resultierende Frage: Wer ist der andere? steht nur vor-läufig für die wesentlich dringendere Frage: Wer bin ich? Sie wird ausweichend übergehend in: Wer ist der andere? verwandelt.
Die Differenz des Anderen wird dann besonders dringlich und alarmierend, wenn sie sich solcherart gestaltet, daß sie über das normale und ortsübliche hinausgeht. Alle grossen geistigen Leistungen gehören dazu.
Die grosse geistige Leistung, besonders, wenn sie, wie in der Kunst häufig, vorraussetzungslos erscheint, erzeugt nicht nur die allgemeine Frage, wie sie zustande kommen konnte, sondern auch im Negativen speziellen, warum ich sie nicht leisten konnte. Warum bin ich kein Einstein, Freud oder Marx?
Hilfreich und daher entlastend kommt folglich die Erörterung des „vergänglichen Menschen“ hinzu, die eben die kleinen Ticks und Schwächen aufzählend, ausweist, daß die Genies auch nur Menschen wie „Du und Ich“ waren. Wenn wir schliesslich wissen, daß Marx mit dem Dienstmädchen..., Proust mit dem Chauffeur... und Freud mit seinen Patientinnen..., - dann muss uns ihr Werk nicht weiter beunruhigen.
Bleibt noch zu erklären, warum sich Freud so obsessiv mit dem Sexualleben seiner Patienten beschäftigte.
Einmal, weil sie Patienten waren. Sie wandten sich von sich aus hilfesuchend an Freud. Nicht Freud analysierte sie gegen ihren Willen. (Die Analyse von Personen, die nicht darum gebeten haben, ist immer als fragwürdig zu betrachten.)
Gerade weil sie (in der Regel) Menschen ohne Werk waren, konnte Freud ihnen dabei helfen, sie als Genies des Sexuellen darzustellen (den Rattenmann, den Wolfsmann). Indem sie sich gerade darin als phantasievoll und künstlerisch sehen und akzeptieren konnten, konnten sie mithilfe Freuds das vorher abgespaltene (und verdrängte) konstruktiv reintegrieren.
Das ist gerade das Gegenteil des obsessiv investigativen Boulevards, der den Anderen ihr Sexualleben zu entreissen versucht.
Warum konnte Derrida das nicht sehen?
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[1] Interview Derrida:
www.realfictionfilme.de/filme/derrida/text.php
[2] Nur ein Beispiel bei Myspace:
blog.myspace.decenturl.com/myspace.com-blogs-die-defloration
[3] Benjamin, Zum Bilde Prousts, in Suhrkamp Taschenbuch 2791, Frankfurt 1998, S.77
[4] Proust, Vorwort zu „Propos de Peintre“, in Essays, Chroniken und andere Schriften, Suhrkamp, Frankfurt, 1992, S. 378


