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Seppeltreffen

03. April 2003 - 13:48

Ein kleiner Rundumschlag zu kreativem Habitus, Gefallsucht und modischem Schuhwerk oder: Der Schlafzimmerblick und der Kinderwagenblick

Sie trafen sich, die schönen und nicht reichen Menschen von der Meile des Misserfolgs: von der Hanauer direkt in den King Hutschikutschibutschi-Club; gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie kein dreizehntes Monatsgehalt ein. Die Frankfurter Wirtschaftsförderung lud wie immer ein zum rumstehen, k*ksen, trinken, tratschen.

Die versammelte Werbewirtschaft der unteren Chargen wuselte emsig wie das Bienenvieh, die Drohnen und die Königinnen, nur die Imker blieben fern. Keine Werbungtreibenden oder echte Agenturchefs zu sehen, das mittlere Management [Manager sein beginnt auf der Visitenkarte früh] feiert sich und lässt sich feiern: der Nachwuchs, dunkel glockenberockt und mit den letzte Saison so modischen Fickmich-Stiefelchen [wieder mit schmalem, hohen Absatz, langer, leicht nach oben gebogener Spitze] ausstaffiert, bei den älteren teils verdeckt unter fransigen Jeans mit Schlag. Keine Pumps zu sehen, bis auf ein, zwei Ausnahmen, Turnschuhe auch nur an den Füssen der Texterlein und Kreativdirektoren: Zwerge mit struppigem Haar und Surfer-Klamotten, manche immer noch im Anzug mit aufgelegtem Hemdkragen, voll Siebziger.

Die Stimmung war verkrampft, zwei Drittel des Volks darf sich in Zeiten wie dieser nicht daneben benehmen, die wirtschaftliche Grosswetterlage drückt auf ihre Zöglinge. Doch waren sie wieder auf der Jagd, die Junior-Kontakterinnen, bis 25 mit Schlafzimmerblick, danach mit Kinderwagenblick, nur Profis konnten ihre Ehemänner zu Hause lassen und sich wirklich amüsieren.

Die Band spielte auf, eine Show-Band mit den Schlagern der letzten drei Jahrzehnte. Erstes Lied, Schluss, Pause, zehn, zwölf Leute klatschen vorsichtig, die Band machte weiter, machte Stimmung, die ersten Grüppchen liessen sich hinreissen, sich im Takt zu bewegen, es kam zu Tanzszenen, der südamerikanische Affentanz, den zur Zeit alle ach so toll finden, schien sich in den Bewegungen der Tänzerinnen finden zu wollen, man und frau kam sich vor wie in den Achtzigern als es allen noch so gut ging. Die Band sei jedes Mal die Gleiche, meinte mein Begleiter, ein Knipser, den Herr Beck auch kennt.

Herr Beck, und was machen Sie so? – ich musste mir das Gespräch vorstellen, dadurch wurde die Szenerie lustig. Wissen Sie; ich mache Kunst. Ach! Und schon erlahmt das Interesse; der nutzt mir nicht auf meinem Weg in die Chefetage [ein Traum, der für 99 Prozent der Anwesenden der immergleiche, stereotype Traum bleiben wird, der die Struktur, das Dromenon der Werbewirtschaft am Leben, Drehen hält], ein Künstler? Wie soll der den Schmuck bezahlen, den ich mich so wünsche ... ich? Nein, meine Mutter wünscht den Schmucke sich an mir, an sich, doch zu spät, die Wiederholung überbrückt die Kluft zwischen den Generationen: HIER findet keine Rebellion statt. Che Guevara als modisches Dessin auf Dior aus Bangkok. Nein, teure Uhren waren nicht zu sehen.

Verzeihen Sie, Miss Gunst, aber hier befinden wir uns im emanzipationsfreien Feld, ein Panoptikum der Subjektivation, die Erben der House-Generation der Neunziger, als das politische Moment aus Techno eliminiert und alles so schön bunt wurde. Homo-chique und schwarze Stiefel, alles ein Brei. Das Wiegen, jener zwangsheterosexuelle Seemannsgang der jungen Herrn, und das Traben der Dressurpferdchen mit den streng nach hinten gestriegelten glatten, blonden Zöpfen. Mach artig: Sitz! Und to, als sei’st ein Model in Kopie; der Habitus der Foto-Kopie ist das Bezeichnende der Szenerie. Die Werberszene ist eine Modellrechnung der Gesellschaft, schauen Sie sich das an. Es geht schnell; so viel gibt’s nicht zu entdecken. Ein Stündchen reicht.

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11 Kommentare

Re: Seppeltreffen

04. April 2003 - 12:33

mein leben ist auch schlimm. hier mein gestriger arbeitstag. 9:30 antritt zum filmdreh in einem kellerloch auf der hanauer. 90 east oder so ähnlich der kosmopolitsche name. für deutsche verhältnisse recht hipp eingerichtet. erstmal üppiges frühstück am buffet, kurzer smalltalk mit fans. dann casting. gesucht wird der frauenarsch, bei dem der minirock am geilsten aussieht, weil wir den close up filmen wollen. mit dem finger zeige ich nur auf meine auswahl gieriger models, die auf mein kommando "drehen, bücken" (natürlich souverän mit brötchen im maul gesprochen) tun was der meister befiehlt. ah, der regisseur hat auch eine meinung. hier lockt meine schönste aufgabe für diesen tag. niederknüppeln von fremdmeinung. o.k., die schlampe da drüben hat eindeutig den geilsten hintern. der produktioner, gerade erst frischgebackener vater, rennt im minutentakt zur toilette. die anderen weiber kriegen komparsenrollen und dürfen ein wenig hopsen. es kommen zweifel auf, ob der stoff der oberteile die vielen abstehenden brustwarzen überlebt. dann dreh bis mittags. meine pumpe laüft amok wegen der 20 tassen kaffee die mir dauernd von der ledergekleideten filmpraktikantin lächelnd überreicht werden. dann pause: das buffet mit den vielen weiberärschen ödet mich inzwischen an und ich verabschiede mich mit küsschen hier und da und lehne privatadressen ab indem ich meinen ehering hinhalte. danach fahre ich kurz auf ein maisels weisse shooting. von unterwegs bestelle ich mein mittagessen, was bei meinem eintreffen bereits angeliefert wird. kurzer smalltalk mit dem fotografen, apfelweinchen und beim 21 kaffee schauen wir auf die ergebnisse eines seiner letzten shootings. porsche gt roadster, 440 000 euro. chayenne s, 911 targa. ich wische mir den sabber aus dem mundwinkel und rauntze meiner geilen art directorin zu, daß ich bereits verheiratet bin, als sie mir erzählt, der gt würde mir sicher gut stehen. dann schenken wir noch 2 maisels ein und schauen auf das set und die ersten polas. dabei zieh ich aber schon wieder meine jacke an. richtig viel war auf den polas eh nicht zu erkennen, da ich mich hartnäckig weigere auch bei tristem licht die sonnenbrille abzusetzen. würde michael jackson ja auch nicht. schnell wieder ins auto und ab zum kaffee molokko. davor hat das filmteam schon großräumig für den zweiten dreh abgesperrt. bei kaffee 22 und 23 erfolgt das nächste casting. er muß sie von hinten abfummeln, sie muß sich dabei geil winden. o.k., fangt mal an. nee,nee, nicht so, geh mal weg. ich stell mich hinter das model und zeig diesem halbstarken mal wie 007 fummelt. ich sprüre unter meinen händen, daß die kleine ausläuft wie ein kieslaster und übergebe wieder an diesen nichtsnutz, bevor sie sich für ewig in mich verliebt. trotz der dicken jacke stehen nach meiner einführung ihre nippel deutlich sichtbar ab. da dieser zustand die nächsten std. so bleiben wird, müssen wir weiter casten und ich versprech dem regisseur, nicht nochmal hand anzulegen. nach cafe 24 und viel nippelgefummel entscheide ich mich für eine supersüsse blondine, die ich später nur mit gewalt davon abhalten kann, mir die pfeiffe zu rauchen. dann gehen wir raus und drehen. das klappt recht gut und wir sind früh fertig. ich verteile großzügig noch an ein paar passanten autogramme und fahre heim ohne mich von irgendwem zu verabschieden. dieses danke, händegeschüttel und rumgeküsse überlasse ich meinen assistenten.

wozu sollte ich also zu so einer werberveranstaltung gehen?

recycling

braan - 04. April 2003 - 23:35

Ich habe heute Nacht schon wieder vom Art Directors Club geträumt, vermutlich, weil am Samstag eine hässliche, fette Frau auf dem Flohmarkt einige habelwegs aktuellen Jahrbücher feil bot und ich mich fragte, wie das zusammenpassen mochte. Jedefalls war der ADC irgendwie bei mir im Büro; im vorderen Zimmer liefen irgendwelche älteren Leute durcheinander und im hinteren sass eine gut aussehende Frau in den Vierzigern in einem mit Antiquitäten möblierten, sehr feinen Ambiente und war irgendwie der Chef. Vorne sass mittendrin ein riesiger, fetter, schwitzender Kerl mit Bart und schütterem, rötlichen Haar und Brille; ich glaube, er sass auf dem Boden. Ich war aus irgend einem Grund da drin und entsprechend genervt. Dann hörte ich, wie die Tür aufgeschlossen wurde, und Tim und Klaus kamen rein mit einer grossen, schwarzen Mappe. Sie setzten sich zu mir, um darauf zu warten, dass sie drankamen. Ich habe Tim total angeschissen, was dieser Scheissdreck sollte; das kostet nur Geld, bringt nix und dient zur Selbstbeweihräucherung von ein paar heruntergekommenen Alt-Werbern und er möge lieber mal was Anständiges arbeiten. Und dann flüsterte ich noch, er müsse sich nur mal den Typ in der Mitte anschauen, so fette und eklige Leute müsse man ja nicht noch in ihrer organisierten Masturbation unterstützen. Ich sagte das zwar sehr, sehr leise, aber das Monstrum hatte es trotzdem gehört. Es stand auf, wankte zu mir herüber und setzte sich schwitzend und schnaufend direkt neben mich und brüllte mich an, was ich da gesagt hätte. Der Rest vom Traum war dann, dass ich über Stunden mit dem Vieh kämpfte, immer wieder mit einer Holzbohle, die irgendwo herumgelegen hat, auf es einschlug, aber es stand ständig wieder auf und verfolgte mich mit der unausgesprochenen, doch klaren Absicht, mich zu töten. Sonst war keiner da.

Re: Seppeltreffen

06. April 2003 - 16:15

oje ihr armen kinder des wohlstandes, bitter sind die früchte des erfolgs.

mein gott, dann geht doch auf ne insel wenn ihr das alles so scheisse findet. ihr beschreibt zwar sehr schön, und unterhaltsam die aktuelle situation und habt ja recht - es ist in der tat so, aber hört auf, euch so heroisch darüber zu beklagen, daß ihr in dieser "werbe"welt lebt und tut nicht so als gebe es ja überhaupt keine anderen möglichkeiten sein leben zu gestalten.

gebt euren porsche schlüssel nem bettler am strassenrand und verkauft eure frau, die sich bereits an den protz und glamour verkauft hat und werdet einsamer insulaner ohne handy und ledermini, stiefeltragende assistentin (ich find so was übrigens dennoch recht lecker)

ihr seid doch nicht besser nur weil ihr darüber schreibt wies wirklich ist.

na was solls, vielleicht gehört das ja auch dazu, daß man sich in solchen positionen immer darüber auslässt wie scheisse man es eigentlich hat.

wohl bekomms !


ilja@visuarte.com

Re: Seppeltreffen

stbeck - 08. April 2003 - 22:57

ja, Herr Braan,
ich habs ja in der zwischenzeit aufgegeben auf diese veranstaltung zu gehn;
nicht, weil mir dass "ich bin künstler" keinen spass machen würde, sondern,
weil der weg bis dahin mir zu schwierig erschiene. Die atmosphäre dort, die
so eindrucksvoll beschreibst, schien mir derartig unkommunikativ, dass ich
nicht recht wusste, wo überhaupt ansetzen.
Beim ersten mal glaubte ich ja noch glück zu haben, als ich den veranstalter
als jemanden erkannte, der mir mal früher am INM begegnet war.
Vertrauensvoll wandte ich mich an ihn: "Stell mir doch mal jemand vor" "Ach
nöööö, geh doch selbst zu jemand, den du interessant findest...." -- Da
wusste ich dann nicht weiter. So richtig interessant kam mir niemand vor,
zumindestens was mein ziel anging und was ich als eigentliches ziel dieser
veranstaltung ansah, nämlich business kontakte zu knüpfen.
Ich weiss ja nicht, wie sich die veranstalter das vorstellen, aber ich würde
wenigstens schildchen austeilen oder anbieten, die die sich nicht auskennen
an die hand zu nehmen. Aber das gilt wahrscheinlich als uncool.

Dass es auch durchaus anders geht hat mir der mainbizz stammtisch von Tom
Noeding gezeigt. Da war ich letzten sommer zweimal. Jeder bekommt ein
schildchen und darf sich der relativ kleinen runde vorstellen. Wenn ich dann
mit den leuten nichts anfangen kann ists dann mein problem. Ich sass z.b.
neben drei russen, die irgendwelches ip routing betreiben. Wirklich nicht
mein fall. Wenigstens weiss ich jetzt, dass es das gibt.

Re: Seppeltreffen

stbeck - 08. April 2003 - 23:07

"euch so heroisch darüber zu beklagen, daß ihr in dieser "werbe"welt lebt und tut nicht so als gebe es ja überhaupt keine anderen möglichkeiten sein leben zu gestalten"

nun, ich von meiner person bin ja nicht zu einem solchen treffen gegangen, weil es mir irgendwie spass gemacht hätte, oder weil ich selbst in der werbung zu tun hätte, sondern weil mir die frankfurter wirtschaftsförderung das nahegelegt hatte. (siehe auch meinen artikel 'Einblicke.....')
Diese "bar between" ist ja auch nicht irgendeine werberparty, sondern eine veranstaltung der wifö, die angeblich dem networking dienen soll. Insofern kann man da schon andere ansprüche stellen. Das ist eine politische veranstaltung, weil sich die wifö (die es ja hier in Frankfurt anstelle eines amtes gibt) nunmal dafür entschieden hat, förderung in dieser form zu vergeben. Ich finde es auch nicht falsch mit ästhetischen massstäben da heran zu gehn, weil ja die veranstaltung auch aufgezogen ist, ich weise nur auf die band hin.
Wenn mir die art dieser veranstaltung nicht gefällt ist auch eine politische bemerkung. Und ich kenne jede menge leute, die ihre eigenen firmen haben (startups, wie man noch vor nicht allzulanger zeit gesagt hätte), die nie dort hingehen würden, - wegen der atmosphäre. Das ist eben was faul.

Es gibt in der tat andere möglichkeiten sein leben zu gestalten; u.a. indem man so einen service wie The Thing anbietet. Aber es ist auch eine frage, ob andere bereit sind das wahrzunehmen.

Conference call

braan - 11. June 2003 - 15:50

schön ist auch immer der erste gemeinsame conference call bei neuen filmprojekten: die FFF-producerin kreischt unentwegt, was für ein "supertolles-script" die agentur vorgelegt hat, die filmproduktions-producerin ist zwar noch total fertig von cannes, findet das script aber auch "superklasse", der geschäftsführer der filmproduktion kann sich die story "superschön" vorstellen und der regisseur findet die idee wirklich "superinteressant" und würde das projekt "supergerne" übernehmen. art director und texter sind total geschmeichelt und finden es "super", dass alle es "super" finden. und nachdem alle durch mehrfaches wiederholen des wortes "super" ihre existenzberechtigung bewiesen haben, wird beschlossen in den nächsten tagen noch einmal zu telefonieren ... und so ein conference call kostet echt total viel geld, vor allem weil der regisseur meistens in finnland oder L.A. sitzt, die FFF in hamburg, die produktion in berlin ...

Re: Conference call

11. June 2003 - 16:08

Was zwar nicht genausoviel Geld kostet, aber immerhin eine kleine aufstrebende Agentur in den Ruin treiben könnte, ist das Zusammensitzen NACH dem ConferenceCall. Hochbezahlte Geschäftsführer, teure Kreative und noch teurere freie FFF-Producer sitzen zusammen und schmieren sich post-conferen-cal nochmal ausufernd Honig ums Maul. Das ganze wird dann noch gewürzt mit Stories, die man entweder selber mit dem Regisseur erlebt hat – oder von Bekannten, die schon mal mit dieser superhippen Zicke gearbeitet haben. Oder man kennt jemanden, der jemanden kennt, der schon mal mit ihm gedreht hat. Hier muß fein drauf geachtet werden, daß man etwas sagt (egal was), um seine Rolle und seine Position gegenüber der anwesenden Geschäftsführung noch einmal zu stärken und zu bekräftigen. Runtergerechnet auf den Stundenlohn der Anwesenden sind die Kosten für einen Conference-Call ein feuchter Fliegenfurz.

Re: Seppeltreffen

08. July 2004 - 16:18

wozu sollte ich also zu so einer werberveranstaltung gehen?

richtig, fick die tussies, wo du sie kriegst!

Were there ever real witches?

06. August 2004 - 16:02

As the youngest member of UCSA, UCI has not always been part of the organization.

ummmmmmmmm whats this mummy??

07. September 2004 - 02:33

This was closely associated with the rebirth of

07. September 2004 - 02:33


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