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Abschied von der Kunst - mein erstes flaues Jahrzehnt

31. December 2009 - 15:24

Beinahe unbemerkt von mir ging 2009 ein Jahrzehnt zu Ende. Erst der Titel des TIME Magazins "The Decade from Hell" machte mich auf das Vergangene aufmerksam.

In dem Versuch ein Resümee der Jahre 2000 bis 2009 zu ziehen, offenbart sich mir eine Diskrepanz zwischen den äußeren Umständen und meinem eigenen Weg, der vor allem von einem gekennzeichnet war, meinem Abschied von der Kunst.

Die Einschätzung des TIME Magazins "the worst decade" für das zurückliegende Jahrzehnt entbehrt sicherlich nicht der Grundlage. An einschneidenden und drastischen Ereignissen bestand wahrlich kein Mangel. Dotcom Krise, 11. September, der folgende "War on Terror", Anschläge in London und Madrid, Krieg im Irak und Afghanistan, der Palästina Konflikt, Naturkatastrophen wie Kathrina oder der Tsunami in Südostasien, überhaupt der Klimawandel. Schließlich noch die Finanzkrise seit 2008, deren Folgen immer noch nicht überwunden sind. Es hätte kaum schlimmer kommen können.

Für meine persönlich Wahrnehmung des Jahrzehnts spielten die Krisen und Katastrophen nur eine untergeordnete Rolle. Das hat sicherlich damit zu tun, daß ich in einer Region und unter Umständen gelebt habe, die immer noch eher indirekt von ihnen betroffen waren. Ich habe einfach viel Glück gehabt.

Die Nuller Jahre, wie sie ungeschickt bezeichnet werden, waren für mich das zweite Jahrzehnt als Künstler. Nach angelsächsischem Sprachgebrauch dürfte ich mich jetzt "mid carreer artist" nennen. Doch die damit verbundene Vorstellung, die Künstlerkarriere wäre in einer stetig ansteigenden Kurve zu denken, hat bei mir in den letzten 10 Jahren beständige Ernüchterung erfahren. Daran war ich nicht unschuldig.

Mit meinem Kunstraum multi.trudi, dessen erste Phase 2001 zu Ende ging, waren schon die Voraussetzungen für einen langsamen Ausstieg aus der Kunst gelegt. Das Projekt von David Goldenberg "Ende der Ausstellungskunst" vom März 2000 machte nur manifest, was schon die 1990er Jahre für mich geklärt hatten. Einen stetigen Unwillen an einer Kunst zu partizipieren, die sich vor allem auf die Präsentation physischer Objekte in Galerien und Institutionen stützte.

Internet als Medium der Kunst nahm ich seit 1992 ernst, aber erst nach multi.trudi, - 2002 -, wurde mir klar, daß der Schwerpunkt meiner Kunst im elektronischen Netz liegen würde.

Das nahezu zeitgleich ausgerufene Web 2.0 ergab auch für mich die Wiederauferstehung des Internets, das ich bis dahin als eine Angelegenheit von Insidern, Nerds und der Subgruppe Medienkunst betrachtet hatte.

Mit dem Versprechen Inhalte mit allen und durch alle zu erzeugen und zu verbreiten überlappte das neue Internet mit dem mir ungelösten Problem der Kunst, wie sie wahrhaft demokratisch und partizipatorisch werden könne.

Seit 2002 habe ich daher meine Hauptarbeit in die Fortentwicklung von Thing Frankfurt gelegt, als einem Werkzeug kommunikative Prozesse an die Stelle von Objekten zu setzen. Kunst 2.0.

Wer keine Objekte macht, kann auch nicht im Kunstbetrieb erscheinen, - setzte mir ein Freund aus New York auseinander. Und in der Tat, die vergangenen 10 Jahre bedeuteten meinen Abschied vom "normalen" Kunstbetrieb.

Ich habe seit 2000 an keinen Ausstellungen mehr teilgenommen und besuche auch so gut wie keine mehr. Die documenta 2007 habe ich erstmals ausgelassen, weil sie mir keinerlei Sinn mehr machte. Ich pflege keine Kontakte zu Kuratoren und Galeristen.

Preise, Stipendien und äußere Erfolge einer Künstlerkarriere blieben aus.

Ich bin jetzt Minor Artist, als jemand, der sich um einer Idee willen selbst marginalisiert hat.

Das will ich aushalten. Aussicht auf Besserung besteht nicht.

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2 Kommentare

Re: Abschied von der Kunst - mein erstes flaues Jahrzehnt

28. November 2010 - 18:56

ich finde es traurig, dass die idee fassbare/sichtbare/hörbare objekte durch partizipation und kommunikation - wenn ich es richtig verstanden habe - zu ersetzen dazu führt, dass jemand als künstler marginalisiert wird. warum bevorzugen die meisten kunstinteressierten ausstellungsobjekte? logisch gesehen ist die aktive teilnahme doch viel interessanter/fördernder/befriedigender als bloße betrachtung. also sollte man/frau als vernünftiges menschliches wesen der langweiligen ausstellungskunst den rücken kehren und sich voll freude und begeisterung auf solche projekte wie thing frankfurt stürzen. und am besten auch fördern, denn dieses einzigartige projekt verdient auch einen schönen, großen raum mit funktionierender heizung. ach, schön wäre es.

Re: Abschied von der Kunst - mein erstes flaues Jahrzehnt

29. November 2010 - 15:45

Liebe/r Unbekannte/r,

herzlichen Dank für Deine aufmunternden Worte.

Ich freue mich schon, wenn Du ab und zu hier vorbei schaust und Deinen Freunden von Thing Frankfurt erzählst. Über Facebook ist es noch leichter Kontakt zu halten und Unterstützung zu demonstrieren.

Die Heizung funktioniert übrigens prima, Thing Frankfurt muß nicht frieren.

Stefan


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