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Deutschlands kulturelle Provinzialisierung

25. February 2009 - 20:13

Besteht noch auf absehbare Zeit die Chance, daß Kunst und Kultur sich mit dem Image Frankfurts verbinden?

Ich fürchte Nein.

Die Gründe für meinen Pessimismus heißen Banken und Berlin.

Heute blätterte ich in einer Zeitschrift der IHK Frankfurt. Darin hieß es sinngemäß, die Finanzwelt müsse der Leuchtturm Frankfurts sein und bleiben.

Die IHK hat recht. Ein Image sollte von einem einzigen Merkmal besetzt sein. Keine andere Eigenschaft Frankfurts ist derartig bekannt und anerkannt, wie seine Rolle als internationaler Finanzplatz, ein "global hub".

Jede weitere Eigenschaft, also zB die Kultur, kann demgegenüber nur zweitrangig sein.

In Deutschland gibt es dagegen eine Stadt, die vornehmlich mit Kultur assoziiert wird. Das ist Berlin.

Berlin ist Hauptstadt, Berlin ist Kulturhauptstadt. Berlin und Kultur sind eins.

Wollte Frankfurt gegen die Hegemonie Berlins angehen, so müsste Frankfurt seine Investitionen in Kunst und Kultur nicht nur drastisch erhöhen, - sie sind höher als die Berlins -, es müsste auch sein Image einer global orientierten Finanzmetropole vom Sockel stoßen.

Dagegen spricht, daß Frankfurt bislang nicht nur sehr gut von den Banken gelebt hat, sondern sein beständiger Wettbewerb mit anderen global aufgestellten Finanzstädten, wie London, New York und Tokyo, der die Stadt zwingt ihre Position aufs Neue zu behaupten.

Kultur spielt im Wettbewerb der Finanzmetropolen sicher eine Rolle, aber nur die eines Beihelfers. Kultur ist in Frankfurt von dienendem Charakter. Hin und wieder grollen die Banken der Stadt, wenn sie das Gefühl haben, talentierte Mitarbeiter nicht für die kulturelle Provinz Frankfurts begeistern zu können. Ich glaube nicht, daß den Banken das kulturelle Angebot einer Stadt wirklich wichtig ist. Dagegen sprechen schon ihre Vorstellungen von Arbeitszeit. Samstags sowieso, und Sonntags sind die Mitarbeiter auch gerne in der Firma gesehen. Kultur dagegen ist vor allem eine Frage der Musse.

Frankfurt kann sich seine Ausgaben für Kunst und Kultur besser sparen. Die kürzlich in Gang gekommene Diskussion zu Themen wie Kreativwirtschaft, Creative Class oder Creative Industries ist nur ein hohles Herbeigerede von etwas, was in Frankfurt gar nicht existiert und niemand wirklich haben will.

Als Beispiel mag nur die kürzlich großflächig plakatierte Kampagne der Tourismus+Congress GmbH Frankfurt dienen, die für eine Übernachtung in einem 5-Sterne Hotel (mit Wellness Angebot) samt Besuch einer Varieté Vorstellung im Tigerpalast geworben hat[1]. Wer seit Jahren einen Offspace betrieben hat, kann sich da nur gelinde am Kopf kratzen.

Frankfurt steht damit in Deutschland nicht alleine da. Der Aufstieg Berlins zur Kulturhauptstadt geht mit einer drastischen kulturellen Provinzialisierung der übrigen Städte einher.

Der kulturelle Föderalismus der alten BRD liegt in Trümmern. Es mag ein Effekt der Globalisierung sein, dem diese bislang einmalige kulturelle Diversität geopfert wird. Deutschland geht kulturell den Weg, den England und Frankreich schon lange gegangen sind. Er führt einzig und immer fortan nach Berlin.


* * *

[1] http://frankfurt-tourismus.de/cms/tourismussuite/de/frankfurter_variete_nacht_tigerpalast.html

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2 Kommentare

Re: Deutschlands kulturelle Provinzialisierung

23. April 2009 - 19:20

Es scheint mir nicht dienlich, derart pessimistisch zu sein. So schlecht ist es weder um Frankfurt, noch um andere Städte, z.B. München, Stuttgart, Köln etc. bestellt.
Aber, das bedeutet ganz und gar nicht, sich zurück zu lehnen und zu warten bis dieser lächerliche Berlinhype ein Ende findet. Frankfurt, um mal bei meiner Lieblingsstadt zu bleiben, hat so unendlich viel Potential und sollte sich aus der Schockstarre lösen. Es gibt in Frankfurt zwei grosse Traditionen, die sehr dabei helfen können, die bedeutende Kunstszene wieder stärker in das Bewusstsein der föderalen Republik zu rücken:
Das Engagement der Bürger (diese Stadt konnte sich noch nie wirklich auf etwas anderes verlassen, als seine eigenen ganz besonderen Einwohner).
Und, die Liebe zum Unkonventionellen, zum nicht uniformen und zum nicht typisch deutschen. Das typisch deutsche kann ruhig Berlin überlassen werden, das passt es besser hin.
Diese Stadt ist einzigartig international, hat hervorragende kulturelle Einrichtungen und daraus sollte es seine Stärke nehmen.
Aber, es gehört auch ein ideologische Anstrengung des Stadtparlaments und des Landes Hessen dazu, denn eines ist in der Tat ein gravierendes Problem. Nämlich, die Preise für z.B. Ateliers und Galerien. Erst, wenn Frankfurt auch hier wieder konkurrieren kann, wird sich auch wieder Kunst in diesem Bereich ansiedeln.
Was bedeutet das alles?
Ist ist nicht sinnvoll zu jammern oder zu klagen.
Wir alle müssen für den Föderalismus, besonders auch in der Kultur, eintreten oder vielleicht sogar darum kämpfen, statt nur ängstlich zuzusehen!
Denn nur der Föderalismus hat dieses Land sich so positiv entwickeln lassen, wie es bis vor ein paar Jahren noch war!

Go for it ...

Grüsse,
Jörg

Re: Deutschlands kulturelle Provinzialisierung

01. February 2011 - 16:30

Hallo, ich glaube nicht, daß wir alle für den Föderalismus kämpfen müssen, da wir überhaupt nicht in der Lage sind, solcherlei Entscheidungen mittragen zu dürfen. Diese vermeintlichen freien Entscheidungen werden und sind zum Großteil vorab geklärte Vetternwirtschaften.


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