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Tourismus pur - Kunst auf dem Museumsuferfest?

25. July 2002 - 16:20

Kunst auf dem Frankfurter Museumsuferfest? Kennen wir schon zu genüge, nicht wahr?
Aber vor einigen Tagen flatterte mir eine Pressemitteilung der Tourismus Congress Gmbh Frankfurt ins Haus, die für eine neue Kooperative mit den vier Jungkunstmanagern Birnbaum, Hollein, Schafhausen und Kittelmann warb.

Ausgewählt für eine in zukunft jährlich stattfindende präsentation wurden die frankfurter künstler Duwe/Wüst eine videoarbeit auf die fassade des schweizer national gebäudes (gegenüber dem filmmuseum) zu projezieren.
Unter dem titel "kenneth lay says: I trust in god and the free market" sollen dort slogans des globalen neoliberalismus erscheinen.

Soweit so gut. Anzumerken wären dazu:

Dass kunst immer stärker auf die weltweiten tourismusströme ausgerichtet wird ist weder neu noch besonders aufregend, handelt es sich doch da um eine zielgruppe, die sich im gegensatz zu flüchtlingen ungehindert bewegen darf. Öde und einfallslos sind allerdings anlass und platzwahl. Touristen sollen gerne nach Frankfurt kommen, aber die wenigsten verirren sich in die aussenbezirke, die sprawls der schlafstädte, der werbe- und partyfreien zonen. Gerade aber dort wäre doch noch etwas im rahmen des vielbeschworen "erlebnisshoppings" zu erleben oder zum erleben einzurichten. Stattdessen bemühen sich die platzhirsche einen weiteren ort vor ihrer haustür einzugemeinden; "innenstadtaktion" mit umgekehrten vorzeichen, könnte ich meinen.

Ansonsten wäre zum thema tourismus schon zu bemerken, was ich im hinblick auf manifesta schon gesagt habe. Hier gehts allenfalls um einen indirekten effekt, der via gastronomie und hotellerie geld in die stadtkassen spült, das dann vielleicht mal für kunst ausgegeben wird.
Direktinvestitionen wären angesagt, künstler als investoren ernst nehmen, die sie schon immer waren. Videoprojektion schön und gut, aber wir wärs mal mit einem zentralen medienlabor oder wenigstens einem gerätepool?

Das Nizza hat nicht Annette Gloser sondern die Metzler Bank bekommen, der man dann ein öffentlich zugängliches restaurant (für wen wohl?) noch abringen musste. Hat sich da einer der fab four für Annette eingesetzt? Auch hier beim museuemsuferfest zeigt sich, dass die ausstellungsmacher definieren was wo als kunst erscheinen darf, - nicht die künstler.

Schlage folgende slogans vor:

Kittelmann: "Solutions for a small kunstverein"
Schafhausen: "I trust in god and the freemanifesta."
Birnbaum: "Probleme lösen, Studenten schützen, Antworten erhalten"
Hollein: "Where do you want to go today?"

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2 Kommentare

Pressemitteilung

Admin - 25. July 2002 - 16:29

Pressemitteilung der Tourismus Congress Gmbh Frankfurt


Mitte Mai diesen Jahres fanden die ersten Gespräche zwischen Günter Hampel und der Geschäftsführung der Versicherung Schweizer-National statt, denn die Fassade dieses Gebäudes am Ufer gegenüber des Museumsufers bot sich als Projektionsfläche an: sie liegt zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museumsufer, bietet jedoch gleichzeitig in genügender Entfernung zum Trubel des Festes die Möglichkeit ein autonomes Kunstwerk in einiger Distanz zu betrachten und dessen ideelle Werte zu erfahren. Parallel dazu führte Günter Hampel Gespräche mit den Institutionsdirektoren Daniel Birnbaum, Max Hollein, Udo Kittelmann und Nicolaus Schafhausen. Nach der Diskussion von Werken unterschiedlicher nationaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler wurde das Künstlerpaar Duwe / Wüst um einen Entwurf für eine mögliche Projektion auf die Fassade der Schweizer-National gebeten.
Mit der Auswahl dieser Künstler entschied man sich zum Auftakt der Reihe "Zeitgenössische Kunst zum Museumsuferfest" gegen die Einladung einer Künstlerin oder eines Künstlers von internationalem Rang. Die Wahl fiel zugunsten eines Künstlerpaares aus der Region aus, dem somit die Möglichkeit geboten wird, ihre Arbeit im Rahmen des Museumsuferfestes zur Diskussion zu stellen. Alexandra Duwe und Holger Wüst absolvierten ein Studium an der Frankfurter Städelschule und leben heute in Offenbach am Main. Gemeinsam arbeiten sie meist im Medium Installation, wobei Video und Film meist eine wichtige formale und inhaltliche Rolle in ihren Werken darstellen. Beide setzen sich in ihrer Arbeit inhaltlich auf kritische Art mit den Auswirkungen des kapitalistischen Systems in soziologischer und psychischer Hinsicht auseinander. Diese Form der Auseinandersetzung ist der Arbeit "kenneth lay says: i trust in god and the free market" ebenfalls immanent, sie erhält jedoch im Rahmen des Museumsuferfestes eine weitere Komponente, indem sie den Gedanken des Kultursponsorings konterkariert. Die Leitideen von Firmen, die sich zunehmend für kulturelle Events engagieren, um ihr Image aufzubessern, präsentieren Duwe / Wüst als grafische Struktur. Die Arbeit lenkt somit den Blick auf den Ursprung und das eigentliche Image, das diesen Firmen eigen ist.
Eingebunden in die Konzeption von "Zeitgenössische Kunst zum Museumsuferfest" ist die Frankfurter Agentur Atelier Markgraph. Sie sorgt darüber hinaus für die technische und organisatorische Umsetzung der künstlerischen Arbeit.

Die Videoarbeit kenneth lay says: i trust in god and the free market von Duwe / Wüst basiert auf zentralen Werbebotschaften der Old und New Economy. Der Titel des Werkes selbst ist ein Zitat von Kenneth Lay, dem Chef des amerikanischen Energiekonzems Enron, dessen kriminelle Machenschaften unlängst durch die Firmenpleite aufgedeckt wurden. Jedesmal, wenn neue Investoren die Firma besuchten, betraten sie einen eigens dafür eingerichteten Handelsraum, der wie eine Theaterkulisse funktionierte. Eine Gruppe von Angestellten simulierte Arbeit und Engagement. Mitarbeiter anderer Abteilungen wurden aufgefordert, ständig anzurufen, um hohes Geschäftsaufkommen vorzutäuschen. Hatten die potenziellen Investoren die Räume von Enron verlassen, wurde wieder der normale Arbeitsrhythmus aufgenommen. In Einklang mit dieser Vortäuschung prosperierender Ökonomie erklärte Lay die freie Marktwirtschaft werbewirksam zu seinem Glaubenssatz: l trust in God and the free market.
Auch sonst propagieren Firmen wie Enron in der Werbung nicht mehr ihre Leitsätze, sondern lassen eine scheinbar neutrale Instanz - das Prinzip der Ökonomie an sich - sprechen. IBM says: solutions for a small planet. Diese von Duwe / Wüst kompilierten Slogans werben weniger für ein Produkt als vielmehr für das Image des modernen Neoliberalismus. Sie flimmern über einen riesigen Screen wie Börsendaten und prägen sich in ihrer ständigen Wiederholung und gleichförmigen Struktur nachdrücklich ein. Die Imperative der börsennotierten Konzerne werden so zu Leitsätzen eines vermeintlich besseren Lebens, das allein auf deren Glücksversprechen basiert.
Die Präsentation von kenneth lay says: i trust in god and the free market im Rahmen des Museumsuferfestes konterkariert aber auch den Gedanken des Kultursponsorings. Wo Firmen sich immer stärker für bestimmte Kulturspektakel engagieren, um durch einen Imagetransfer sich selbst Methoden künstlerischer Ideenproduktion anzueignen, präsentieren Duwe / Wüst die Leitideen dieser Firmen als grafische Struktur, die sich als labile Selbstvergewisserung des eigenen ökonomischen Erfolgs erweist.
Vernissage: 22. August 2002, Zeit und Ort werden rechtzeitig bekannt gegeben Für Bildmaterial, Fragen oder Informationen wenden Sie sich bitte an:
Meike Behm Tel.:069-706206 Fax:069-79580646 meikebehm@yahoo.de

Polemik pur

26. July 2002 - 17:13

Von: Eintracht Frankfurt Insolvenzverwaltung <egidius@braan.org>
Datum: Do 25, Juli 2002 16:12
Betreff: Polemik pur

> bemühen sich die platzhirsche einen weiteren ort vor ihrer haustür
> einzugemeinden; "innenstadtaktion" mit umgekehrten vorzeichen, könnte ich
> meinen.

Auch ich masturbiere bevorzugt in den eigenen vier Wänden, alles andere
ist der Nackte Jörg.


> Das Nizza hat nicht Annette Gloser sondern die Metzler Bank bekommen, der
> man dann ein öffentlich zugängliches restaurant (für wen wohl?) noch
> abringen musste. Hat sich da einer der fab four für Annette eingesetzt?

Es ist immer ein weiter Weg von Projektierung zur Baugenhemigung, und
das wäre nicht das erste Zuckerl für die Öffentlichkeit, das bei einem
derartigen Prozess auf der Strecke bliebe ... komisch. Das Nizza hat,
wie ich gehört habe, übrigens im ersten Anlauf keine Baugenehmigung
bekommen. -


> Auch hier beim museuemsuferfest zeigt sich, dass die ausstellungsmacher
> definieren was wo als kunst erscheinen darf, - nicht die künstler.

Ich höre immer nur Museumsuferfest. Ist das einhergehend mit einer
Auffassung, dass das Journmal Frankfurt die letzte Bastion einer
aufgeklärten und unabhängigen kulturpolitischen Lokaljournallie vorstelle?


> Kittelmann: "Solutions for a small kunstverein"
> Schafhausen: "I trust in god and the freemanifesta."
> Birnbaum: "Probleme lösen, Studenten schützen, Antworten erhalten"
> Hollein: "Where do you want to go today?"

Beck: "Ich will so bleiben, wie ich bin"


MfG
Braan


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