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Beiträge zu einer Ästhetik der Teilnahme I

06. June 2003 - 18:06

Wenn dasein nach Heidegger auch immer "gleichursprünglich" mit-sein bedeutet, so mag es kaum etwas vermesseneres geben, als nach einer Ästhetik der Teilnahme zu fragen, kann Teilnahme doch schlichtweg alles bedeuten.Im folgenden einige Stiche und Pfosten als Annäherung an ein komplexes Thema.

"Man kann immer etwas tun" (Scientology)
"Es gibt immer etwas zu tun" (Hornbach Baumarkt)

Teilnehmen, dabei sein, mitmachen - wie geht das überhaupt?
Muss ich etwas bestimmtes mitbringen, darstellen oder behaupten, um teilnehmen zu können?
Oder reicht es aus "ich selbst" zu sein? Wenn ja, wer ist denn dieses "ich selbst"?
Fordert vielleicht jemand teilnahme von mir oder geschieht teilnahme einfach so?
In welcher form ermöglichen oder verhindern die zur disposition stehenden institutionen (clubs, parties, galerien, museen etc) eine teilnahme?
Muss ich ein schlechtes gewissen haben, wenn ich nicht teilnehmen kann oder will?
Ist eine unterscheidung in aktive und passive teilnahme sinnvoll, oder läuft alles auf eine grosse indifferenz (stichwort "interpassivität") hinaus?
Ist "teilnahme" am ende auch nur langweilig?



Ausgehend von der langeweile scheint teilnahme vorerst eine aktivität darzustellen. Aber an was allem sollen wir teilnehmen, an der gesellschaft, der demokratie, der marktwirtschaft, der globalisierung oder der anti-globalisierung, dem internet und schliesslich der kunst. Mach mit, sei dabei, bring dich ein, - so ruft es uns von allen seiten zu. Und das gewissen? Auch das. Aber zu was ruft es uns auf? Zu nichts, meint Heidegger.

Nach einer spezifischen ästhetik der teilnahme zu fragen, heisst in der kunst zu suchen, was nach dem ende der ausstellungskunst übrig bleibt. Alle sind wir jetzt künstler, und statt rezipienten mitarbeiter. Dienstleistungskunst allen ecken und enden. Aber wie ist eine teilnahme zu denken, die nicht bloss die kruste aus Tiravanijas kochkunsttöpfen kratzen will?


Hier einige lose gesteckte pfeiler zur markierung des terrains:

++ "Ich würde nie einem Club beitreten, der bereit wäre mich als Mitglied zu akzeptieren." (Groucho Marx)

++ Vor der Tonne des Diogenes steht Alexander der Grosse:"Kann ich etwas für dich tun?" - "Ja, geh mir aus der Sonne."

++ Der Kaiser von China empfängt endlich Boddhidharma, der den Buddhismus von Indien kommend in China eingeführt hat. Der Kaiser zu Boddhidharma: "Ich habe tausende von buddhistischen Tempeln und Klöstern errichten lassen. Habe ich mir dadurch einen Verdienst erworben?" Boddhidharma: "Keinen einzigen." "Wer ist es, der da vor mir steht?" "Ich weiss es nicht."

++ "Auf der Straße wird man bald nur noch Künstler sehen, und es wird mordsschwer sein, einen Menschen zu entdecken." Arthur Cravan, der hier stellvertretend für die Dadaisten stehen könnte, nach seiner Selbstbeschreibung Hochstapler, Seemann im Pazifik, Mauleseltreiber, Orangenpflücker in Kalifornien, Schlangenbeschwörer, Hoteldieb, Neffe von Oscar Wilde, Holzfäller in den riesigen Wäldern, Ex-Boxchampion für Frankreich, Einbrecher, tauchte 1917 auf einer Vernissage in New York stockbesoffen auf, rülpste, furzte, beschimpfte das Publikum und machte Anstalten sich nackt auszuziehn, so dass er in Handschellen abgeführt wurde. "Welch wundervolle Rede", bemerkte Duchamp, der zufällig anwesend war. Kurze Zeit später verschwindet Cravan bei dem Versuch den Golf von Mexico in einem Ruderboot zu durchqueren spurlos.

++ Jener Duchamp, Pate der Konzeptkunst, spielte jahrelang nur noch Schach. Auf die Frage, wieso er denn noch ein Atelier hätte, meinte er, er könne nicht dauernd seine Frau sehn.

++ Marie Antoinette, Gattin Ludwig XVI., erhält besorgt um die Unruhen vor dem Palast die Auskunft: "Madame, das Volk hat kein Brot." "Dann sollen sie doch Kuchen essen!"

++ Auf die Frage des Mannes an den Wächter in Kafkas Parabel 'Vor dem Gesetz', wieso denn in all der Zeit nicht noch jemand Einlass ins Gesetz begehrt habe, antwortet der Wächter:" Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn."

++ Kurd Alsleben, ein grosser, mächtig wirkender Typ und Professor für Kommunikation an der Hfbk Hamburg, stellt sich eines Tages mit einem Schild vor die Hochschule, auf dem steht: "Ich weiss allein nicht weiter."

++ Adornos Vorlesung wurde durch folgenden Vorfall gestört: Studentinnen entblössten wortlos ihr Brüste vor Adorno. Kurze Zeit später ist er gestorben.

++ Bretons aktionistische Appelle fanden kein Gehör bei Jacques Rigaut. Der soff sich bei gemeinsamen Arbeitstreffen regelmässig unter den Tisch.

++ In einem fernen Land herrscht ein Gesetz, das alle Ankömmlinge bei Androhung der Todesstrafe verpflichtet den wahren Grund ihrer Einreise zu nennen. Endlich erscheint ein Mann, der angibt, er sei gekommen, um nach den Gesetzen des Landes hingerichtet zu werden.

++ In einer Kompanie rasiert der Barbier alle Männer, die sich nicht selbst rasieren. Wer rasiert den Barbier?

++ Ein französischer Psychiater reist 1971 nach Hanoi um seine Hilfe im Kampf gegen Psychosen anzubieten. Der Parteisekretär erklärt ihm, es gäbe keine Schizos bei ihnen, aber wenn er wolle könne er sich das Theaterstück 'Frau Lu' ansehen, das von einer Frau handele, die Stimmen höre und deshalb aus ihrem Dorf vertrieben werde. "Moment, Sie haben doch gesagt bei Ihnen gäbe es keine Schizos. "Stimmt, wer Stimmen hört wird aus dem Dorf vertrieben."

++ Der russische Performancekünstler Brener schlägt einem ihm zu seiner Ausstellung überreichten Rosenstrauss dem amerikanischen Kritiker Dan Cameron ins Gesicht.

++ Breton ohrfeigt auf dem 'ersten sozialistischen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur' den russischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Das war 1936. Rene Crevel begeht während des Kongresses Selbstmord.

++ Nachdem der französische Soziologe Kojeve das Ende der Geschichte gründlich durchgedacht hat, entschliesst er sich seine wissenschaftliche Karriere aufzugeben und Beamter der EU zu werden, weil die EU für ihn das angemessene Symbol für das Ende der Geschichte sei.

++ Obwohl es für ihn den sicheren Tod bedeutete, hatte der knapp 20jährige Mathematiker Evariste Galois sich auf das Duell eingelassen. In der Nacht vor dem Ereignis schrieb er in einem Zug seine bahnbrechende Theorie der algebraischen Gruppen nieder, ständig an den Rand des Manuskriptes Notizen machend wie:"Ich habe keine Zeit" oder "Was könnte ich noch alles sagen". Bei Morgengrauen traf er auf seinen Gegner, der ihm in den Bauch schoss und ihn verblutend liegen liess.

++ Ewas besser erging es Gottlob Frege, dem Begründer der modernen Logik. Über ihn schrieb der Rektor seiner Universität: "Leider weiss ich von Prof. Frege nichts günstiges zu berichten. Sein Lehrgebiet ist für die Universität von vollkommen untergeordneter Bedeutung und enthält keinerlei Ansatz zu wissenschaftlichem Fortschritt." 16 Jahre später widmen Russel und Whitehead ihre 'Principia Mathematica' Frege.

++ "Das beste ist, es nicht zu tun." (Andy Warhol)

Note: Ein Projekt von trudi.sozial

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