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Schirn oder Familie Montez?

29. August 2009 - 15:59

Wir hatten kürzlich auf der Thing Mailingliste eine erfrischende Diskussion, die um die Idee kreiste, Defizite in der Finanzierung Frankfurter Kultur (namentlich Offspaces und freie Projekte) durch Sparen am Bau von Autobahnen auszugleichen.

Keinesfalls dürfe innerhalb des Kulturetats umgeschichtet werden.

Da fand mein Vorschlag, Schirn und Kunstverein Familie Montez wären in etwa gleich, weswegen sie auch gleich finanziert werden sollten, wenig Gehör.

Drastischer drückte sich noch ein Bekannter aus, der einen Ausgleich zwischen beiden Institutionen als "kompletten Blödsinn" bezeichnete.

Ich möchte daher mein Argument hier wiederholen.

Schirn und Familie Montez sind deswegen gleich, weil sie auf der gleichen Funktion beruhen.

Wenn ich ein Programm schriebe, das beide zum Ergebnis hätte, so müsste das wie folgt gehen:

Irgendwo da draußen (außerhalb der Institution) gibt es schon Kunst. Sie muß nur entdeckt, bewertet, eingeordnet und herbei geschafft, - in weiterer Folge präsentiert und vermittelt werden.

Genau das leisten sowohl Schirn, wie auch Familie Montez. Jede auf ihre Weise.

Sicherlich macht die Schirn bessere Ausstellungen. Besser im Sinne von besser durchdacht, genauer recherchiert, vielfältiger präsentiert, umfangreicher dokumentiert, weiter kontextualisiert und so fort.

Aber nichts im Bauplan der Schirn weist darauf hin, daß die Schirn mit Notwendigkeit bessere Ausstellungen machen müsste als Familie Montez.

Der Unterschied ist bloße Skalierung. Mit einem Jahresetat von über 3 Mio. Euro ist es nicht weiter schwer entsprechendes Personal zu beschäftigen, gediegene Räumlichkeiten auszuhalten und weitläufige Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Wenig schlüssig ist auch das Argument, die Schirn würde durch ihre Größe erst auf Kunst aufmerksam machen und somit Kunst überhaupt garantieren, in deren Folge Projekte wie Familie Montez erst existieren könnten.

Das ist nicht das Verdienst der Schirn, denn sie borgt ihren Kunstbegriff nur aus oben beschriebener Funktion, wie es fast alle Institutionen des Kunstbetriebs machen, Galerien, Kunstvereine, ebenso wie On- oder Offspaces.

Mithin, die finanzielle Ausstattung der Schirn ist reine Konvention.

Es ließe sich noch vorbringen, eine Stadt wie Frankfurt bräuchte eine derartige Institution, wie sie auch nach einer Festhalle, Messe, Oper und einem Großflughafen verlangte.

Das spricht auch nicht für die Schirn. Denn die Funktion einer Zentralgalerie könnte auch jemand anders übernehmen. Meinetwegen eben Familie Montez.

Warum also nicht in der Finanzierung halbe halbe machen?


P.S.

Genau weil der Unterschied zwischen beiden Einrichtung rein konventioneller Natur ist, wäre Familie Montez gut beraten, sich von einem Kunstbegriff zu verabschieden, der besonders Großinstitutionen zugute kommt. Die Sommerateliers waren ein erster Schritt dazu.

* * * *

Im Web:

--> http://www.schirn-kunsthalle.de --> http://www.montez.de

Einige Beispiele aus der Mailingliste:

--> http://moblog.thing-net.de/post.php/5871

--> http://moblog.thing-net.de/post.php/5873

--> http://moblog.thing-net.de/post.php/5875

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11 Kommentare

Re: Schirn oder Familie Montez?

29. August 2009 - 21:17

ich wäre mit 1000x12 mietkosten + projektkosten /jährlich/ sagen wir in der gleichen höhe zufrieden. rest: mitarbeiter + meine arbeit ist nicht berechnet. das habe ich mir freiwillig ausgesucht. ich kann auch lassen...
so hätte ich etwas mehr zeit weitere projekte zu überlegen. stattdessen schmeisse ich partys aus den ich längst rausgewachen bin /50/, um die og. kosten zu decken.

Re: Schirn oder Familie Montez?

29. August 2009 - 22:16

und noch etwas.
nicht alles was ich im kvmontez versuche auf die beine zu stellen, gelingt.
ich hatte nie gelernt zu kuratieren, hatte nie damit gerechnet einmal über 2000qm ausstellungsfläche zu verfügen. zwar alles ohne heizung aber in der 1a lage, mit eigenen parkpätzen !!
sowie ich nie dachte so etwas wie lola m. zu machen oder kunst zu studieren..

in der ersten linie bin ich künstler und bei der ganzen gelddiskussion halte mich ziemlich zurück. habe mich wie jeder 1000mal für das beste stipendium überhaupt - hessische kulturstiftung oder andere beworben und nichts bekommen.
ich will mich nicht erinnern an die ganzen reisen, die ich mir jedes mal augedacht habe..
als ich von der stadt ffm etwas geld für das my generation proj. bekam, war ich überglücklich. nicht das der geldbetrag die kosten deckte. es war eine hilfe.
ich denke manchmal, es ist meine freie entscheidung, was ich tue
ob ich geld dafür bekäme oder nicht ändert nichts an der tatsache dass ich etwas machen werde.
es liegt nicht alles nur am geld, riessigen räumen etc.
ich habe schon einen ganz kl. ausstellungsraum gemacht /zw. pik und riz bar/
und es war genauso cool wenn nicht cooler.
immer wieder andere dafür zu verantortlich zu machen, dass man wenig auf die beine stellt, bringt auch wenig.
ich nehme lieber jede auch so kleine möglichkeit wahr, wenig geld, viel eigener arbeit und enthusiasmus. besser auf diese art müde als von den aussichtlosen diskussionen über die (nicht-) gerechte verteilung von geldern.


Re: Schirn oder Familie Montez?

31. August 2009 - 21:25

Ich bemerke da eine gewisse Spannung in Deinen Aussagen.

Einerseits hättest gern Unterstützung in einer Höhe, die ich durchaus gerechtfertigt fände, anderseits gibst Du den selbstgenügsamen Künstler, der sich über eine "Hilfe" freut.

Um es hier mal klar zu sagen. So wenig unser Bereich, in dem wir arbeiten "OFF", sondern die wahre Kunst ist, so wenig sehe ich auch eine Trennung zwischen der eigentlichen Arbeit und dem Versuch angemessene Entlohnung dafür zu erhalten.

Gerade die Trennung zwischen der künstlerischen Tätigkeit, der reinen, eigentlichen, selbstlosen, und der, wie Du es nennst "aussichtlosen diskussionen über die (nicht-) gerechte verteilung von geldern" gehört aufgehoben.

Es sollte eine Kunst geben, in der das ein und dasselbe ist.

Re: Schirn oder Familie Montez?

01. September 2009 - 00:16

der letzte satz klingt wie aus einer anderen welt, wie ein idealzustand.

ich denke, nur weil ich nie von jmd protegiert wurde, wünschte ich mir die finanzielle unterstützung seitens der stadt oder sonst jmd. als eine form der anerkennung für die geleistete arbeit. andererseits bin ich froh, dass ich auch ohne auskommen kann und oft die anerkennung der besucher oder teilnehmern meiner proj. genügt.
die ausstellunghallen und kunstpaläste mit ihren teuren und perfekt umgesetzten künstlerischen präsentationen beneide ich oft für die grosszügigkeit der mitteln. die repräsentieren aber die stadt und sind an eine ganz andere zielgruppe gerichtet.
ich mag lieber das einfache, bilige und unperfekte. meine zielgruppe sind die jungen leute, die oft sich kein museum oder ausstellung leisten können (wollen), die ich mit musik zur kunst locke und aus den ich die wahren kunstmäzenen mache.

als ich meine mutter gestern fragte, ob sie in den himmel oder lieber in die hölle nach dem tod gehen möchte, sagte sie gleich ohne zu überlegen- in die hölle!
himmel sei ihr doch etwas zu langweilig, dort alle sind nur glücklich und es gibt bestimmt keinen schnaps.

also es ist halt wie es ist - nicht mal der angestrebte idealzustand kann alle zufriedenstellen.

Schirn oder Familie Montez?

01. September 2009 - 10:41

ich sehe innerhlab des frankfurter kunstbetriebes auch enorme verwerfungen: Montez entsteht wie auch andere sogenannte Off Spaces aus Notwendigkeit. Schirn u.a. sind Instututionen die einfach befüllt werden weil sie da sind. Die Off Spaces in Frankfurt werden sehr Stiefmütterlich behandelt. Der Bedarf ist ja da, aber die Politik hier will sich nur mit Großprojekten schmücken. Wenn man einen Städelanbau für die Sammlung der Deutschen Bank macht, dann heisst das ja auch, dass man teils fragwürdige Kunstpositionen auf musealen Rang hebt und das Investment dieser Bank mit öffentlichen Geldern absichert. Auch das wäre egal wenn es adäquat Unterstützung für die aus Innerer Notwendigkeit heraus geborenen Projekte gäbe. Leider darben die unter unwürdigen Bedingungen. Mich wundert in all den Jahren, dass es keine Privatperson hier gibt die mal sagt: ich greife den jungen Leute mit ihren tollen Pojekten mit ein paar hunderttausend unter die Arme, schliesslich produzieren die die Zukunft.

Re: Schirn oder Familie Montez?

05. September 2009 - 22:01

... ah, wieder meine geliebte diskussion über "kultur und geld"


"... mitarbeiter + meine arbeit ist nicht berechnet. das habe ich mir freiwillig ausgesucht. ich kann auch lassen..."

-----> du implizierst damit, andere menschen ("nichtkünstler"?) hätte sich ihre tätigkeit NICHT selber ausgesucht. ist es denn so anmaßend, sich seine tätigkeit SELBER AUSZUSUCHEN? noch dazu, wenn diese unsere tätigkeit, und da sind wir uns doch sicher einig, einen wichtigen gesellschaftlichen wert darstellt?


"in der ersten linie bin ich künstler und bei der ganzen gelddiskussion halte mich ziemlich zurück"

------> ein allgemeinplatz: benötigen künstler denn kein geld für ihren lebensunterhalt?


"immer wieder andere dafür zu verantortlich zu machen, dass man wenig auf die beine stellt, bringt auch wenig."

-------> wenn man wenig ressourcen (geld/energie) zur verfügung hat, kann man auf dauer nicht viel auf die beine stellen. irgendwann wird man ganz arg müde. gar nicht gut für das selbstbewusstsein.


"ich mag lieber das einfache, bilige und unperfekte"

-------> das ist ja auch super. aber völlig billig ist es auch nicht zu haben.

"also es ist halt wie es ist"
--------> och nein. da klingt so ein wenig resignation durch, oder? dinge sind veränderbar. auch wenn es manchmal unendlich langsam geht.

.... ALSO ich finde: bescheidenheit und selbstlosigkeit ist in manchen situationen gut. aber nicht permanent. oder wollen wir die ungerechtigkeiten noch unterstützen? nein, wollen wir nicht. so!
grüße aus OF
verena lettmayer

Re: Schirn oder Familie Montez?

06. September 2009 - 18:07

Ich kann Verena nur zustimmen.

Selbst wenn die Selbstgenügsamkeit völlig selbstbezogen bliebe, der Künstler im Allgemeinen und mehr noch der Macher eines großen und rennomierten Offspaces sollte Vorbild sein.

Denn es geht auch darum andere zu ermuntern eigene Projekte solcher Art zu unternehmen. Da hat schon der Herr Wolfstädter vor Jahren drauf hingewiesen.

Wir brauchen mehr Offspaces in Frankfurt und Offenbach. Da sollte man andere nicht durch öffentliche Resignation noch herunter ziehen.

Stefan

Re: Schirn oder Familie Montez?

07. September 2009 - 17:45

... ich muss auch sagen: übergroße bescheidenheit gibt ein schlechtes vorbild. ein zitat von einer freundin: "selbstausbeutung ist asozial"

... meine atelier-kollegin meinte heute, eigentlich hätte sie überhaupt keine lust mehr auf solche diskussionen. denn die würden sie ziemlich lähmen. geht mir genauso. nichtsdestotrotz sollte man missstände aufzeigen. es besteht gleichwohl immer die gefahr, in stetiges jammern zu verfallen. und das ist eher destruktiv. aber ich glaube, es ist grundsätzlich möglich, derartige themen zu thematisieren und sich konstruktive aktionen und stategien auszudenken.

p.s., zum thema hey, yeah, unser "schrankstipendium" kommt super an! ... gerade ist ein kleiner artikel in der lifestyle ausgabe der FR, "main sign" (---> weil offenbach = kreativstadt und so) ... und jetzt interessiert sich das art-magazin dafür! ... na ich würde sagen, mit einfachen mitteln sich in die öffentlichkeit/den mainstream geschlängelt. letzteren gilt es sowieso schamlos auszunutzen!

grüße aus of
verena

Re: Schirn oder Familie Montez?

23. November 2009 - 19:13

Euer gerangel nervt mich ihr seid alle Scheße!

Re: Schirn oder Familie Montez?

25. December 2009 - 19:21

by the way. für viele hier sicherlich ein alter hut, aber zur zeit ist ja die grundeinkommensdiskussion ganz schön am hochschwappen. die breuninger stiftung z.b. macht in stuttgart + brandenburg zwei feldversuche in 2010 und in der schweiz wird gerade ein volksbegehren (wird das so genannt?) auf den weg gebracht.
http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,667336,00.html

gibts da im kunstkontext aktuelle diskussionen / aktivitäten ?
das schöne an der diskussion ist ja, dass sie quer durch die politischen "lager" geführt wird, weil hartz4 und das aktuelle zusammenleben ja nicht der weisheit letzter schluss sein kann.

dachte, das könnte hier reinpassen, weil ein bedingungsloses grundeinkommen ja im zusammenhang schirn / off-spaces eher solchen unternehmungen wie der familie montez zugute kommen würde.

123gudelaune

Re: Schirn oder Familie Montez?

28. December 2009 - 21:30

Danke für Deinen Hinweis zum Grundeinkommen. Wir haben darüber auf der Mailingliste von Thing Frankfurt schon ausgiebig diskutiert. Weswegen ich es hier bewusst ausgelassen habe.

Denn die strukturelle Ähnlichkeit zwischen einer Institution und einem Offspace besteht ganz unabhängig von ihrer Finanzierung.

Stefan


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