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Das Museum macht durch das Internet keinen Sinn mehr

13. February 2009 - 19:03

Wir sind, was wir sammeln, erklärte Boris Groys. Und eröffnet damit den Blick auf das Museum als Grund unseres Daseins

Ich meine allerdings, daß es des Museums unter den Bedingungen des Internets nicht mehr bedarf.

Das Museum, wie es im 19. Jahrhundert entstand, erfüllt bis heute zwei Funktionen. Die der Sammlung. Der dauerhaften Aufbewahrung des vergänglichen, flüchtigen, zeitlichen. Es ist Archiv. Dazu, die durch den Akt der Sammlung getroffene Würdigkeit des Gegenstandes. Es kann nicht alles gesammelt, nicht alles aufbewahrt werden. Die Entscheidung über den Gegenstand der Sammlung bedeutet auch ein Urteil über seine Qualität, sowie die Qualität der Gegenstände, die nicht gesammelt werden.

Das Museum in Form eines Zentralspeichers entspringt den technischen Limitationen seiner Entstehungszeit.

Heute kann jeder für sich und mithilfe des Internets alles sammeln. Und im Gegensatz zum Museum dezentral. Verteilt auf viele Lokalitäten. Kein Ort ist mehr für die Sammlung ausgezeichnet. Die Sammlung kann überall sein.

Die durch das Netz verfügbaren Taxonomien (Tags, Tagging, Folksonomie, Crowds, Crowding) verschaffen eine Verbindung der gesammelten Objekte auf beinahe magische Weise. Alles kann mit allem verbunden und aufeinander bezogen sein.

Mit dem Verlust der Zentralsammlung verliert das Museum auch seine zweite Funktion, eine Autorität über die versammelten Gegenstände zu behaupten. Die Idee, es könnte noch eine einzige Instanz geben, die mit Sicherheit behauptet, was der Sammlung lohnt, und was nicht, ist nicht mehr gegeben. Wenn alles offen, einsehbar, verbunden (konnektiert) ist, besteht auch kein Grund mehr, meine Sammlung über die Sammlung eines anderen zu stellen. Das ist der Kern des englischen Begriffs der Flatness. Alles ist flach geworden. Hierarchien existieren nicht mehr, oder können - theoretisch wenigstens - leichter in Frage gestellt werden.

Das Museum der absoluten Sammlung existiert schon lange nicht mehr. An seine Stelle ist der "Schirn Erfolg" getreten. Ausstellung als die leichte Muße, der gefällige Konsum, der flotten Szenenwechsel, der publikumsgerechten Darbietung.

Mit einem Wort. Museum ist Party. Viel Spaß.

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