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Abseits vom konventionellen Kunstbetrieb?

Veröffentlicht am

Mit einer Einladung des Frankfurter Kunstvereins zur neuen Ausstellung "emotion eins" kam auch der Hinweis auf einen zweiten Ausstellungsort in der Ursula Blickle Stiftung. Ein Blick auf deren Homepage gibt Anlass Strategien des Kunstbetriebs in Bezug auf Identität und Differenz neu zu überdenken.

Ein spezieller Satz auf der Homepage dieser Blickle Stiftung (http://www.ursula-blickle-stiftung.de/_/2004.htm) veranlasste mich zu folgendem Brief:

/*
Sehr geehrte Frau Blickle, auf eine Einladung des Frankfurter Kunstvereins hin habe ich auf ihre Homepage geblickt und dabei folgendes gelesen:

> Frei von bürokratischen Zwängen und in finanzieller Unabhängigkeit kann
> die Stiftung auf Künstler und Kuratoren hinweisen, die abseits vom
> konventionellen Kunstbetrieb stehen.

Inwiefern steht denn der Frankfurter Kunstverein und der Kurator Schafhausen "Abseits vom konventionellen Kunstbetrieb"?

Könnten Sie mir das mal erklären? Ich würde sagen, beide stehen so ziemlich mitten drin. Mehr geht eigentlich kaum mehr.
Oder übersehe ich da etwas?

Mit freundlichen grüssen
Stefan Beck
*/

Die antwort kam postwendend:

/*
|------------------------- Failed addresses follow: ---------------------|

550 Mailbox quota exceeded / Mailbox voll.
|------------------------- Message text follows: ------------------------|
*/

Wahrscheinlich hat die Frau Blickle aufgrund ihre verheissungsvollen Selbstdarstellung derartig viele Zuschriften erhalten, dass ihre Mailbox übergequollen ist.

Ich griff daher zum Telefon und hatte sogleich die Frau Blickle selbst am Apparat:

".....ja, also, ich versteh ihre Frage nicht...., was soll das bitte, ....ich arbeite mit dem Herrn Schafhausen schon seit drei Jahren zusammen....., ich bin eine private Stifung, - da bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Und wissen Sie was mein lieber....., ich bin Österreicherin, und da sieht man die Dinge etwas lockerer..... Habe ich Ihre Frage damit beantwortet?" "Nein...." "Also....., da hab ich jetzt keine Zeit mich mit Ihnen zu unterhalten, ich bin nämlich im Aufbau...."

Ich will mal hier annehmen, dass die Frau Blickle wirklich im Stress war und obendrein ihre Pressesprecherin nicht zur Hand hatte, weswegen ich nochmals zum "Symptom" zurückkehren möchte:

> Frei von bürokratischen Zwängen und in finanzieller Unabhängigkeit kann
> die Stiftung auf Künstler und Kuratoren hinweisen, die abseits vom
> konventionellen Kunstbetrieb stehen.

Ein wahlloser blick durch die Ausstellungsaktivität der Stiftung zeichnet folgendes Bild:

> LOVE/HATE
> Versuche zum großen Gefühl zwischen Kunst und Theater
> 09. November - 14. Dezember 2003 Ursula Blickle Stiftung
> Kuratiert von Dr. Gerlad Matt, Direktor der Kunsthalle Wien

> Dark Spring
> 17. März. ­ 28. April 2002 Ursula Blickle Stiftung
> Kuratiert von Nikolaus Schafhausen in Zusammenarbeit mit Liam
> Gillick

> Erfahrung E
> 14. September - 19. Oktober 2003 Ursula Blickle Stiftung
> Kuratiert von Prof. Peter Weibel, Leiter des ZKM Karlsruhe

> Joy
> 18. November - 16. Dezember 2001
> Kuratiert von Udo Kittelmann

> Quiet Life
> 19. März - 16. April 2000
> Kuratiert von Michael Neff

> "Em Busca da Identitade" / "Auf der Suche nach
> Identität"
> Aktuelle Kunst aus Brasilien
> 12. November - 10. Dezember 2000 Ursula Blickle
> Kuratiert von Peter Weiermair

Was veranlasst also die Frau Blickle in die wenigen Worte, die ihre Arbeit charakterisieren, ausgerechnet die Phrase "abseits vom konventionellen Kunstbetrieb" aufzunehmen?

Erklärung 1:
Die Betonung liegt auf "konventionell" und will sich von BBK, Hobby-Galerien, Kunst-Handlungen und anderen Blendern absetzen. Aber ist das überhaupt nötig, wenn man gleichzeitig (wohl finanziell) in der Lage ist, sich die creme de la creme deutschsprachiger Kuratoren ins Haus zu holen?

Erklärung 2:
"abseits vom konventionellen Kunstbetrieb" zeichnet eine Strategie der Differenz aus, die dem Kunstbetrieb selbst insgesamt innewohnt.

Wie Boris Groys darstellt, ist moderne Kunst im ganzen und unablässig auf einem Kurs der Expansion und Kolonisation von neuem und unendeckten. Je moderner, aktueller, brisanter, - und unabhängig davon, ob etabliert oder nicht -, sich die Kunst gebiert, desto agressiver muss sie das einzubinden versuchen, was sie noch nicht ist. Damit gerät sie aber in das Paradox, dass sie in dem Moment, in dem sie ein ihr bislang Fremdes einverleibt hat, entweder selbst zu diesem Fremden wird, also sich selbst entfremdet, oder jenes Fremdes mit sich selbst identifiziert, seiner Fremdheit beraubt und somit zu etwas Gewöhnlichem macht.

Die frivole Gier auf das ihr Andere gerät ihr zur Perversion, die pathologisch gesehen auf eine Bulimie hingeht: sich vollschlagen mit dem, nach dem man lüstete, um es anschliessend wieder zu erbrechen.

Topisch betrachtet nach Pfaller kennzeichnet die Perversion einen Lustgewinn, der die Quelle der lust vom eigenen Ich, zu vom Ich imaginierten anderen verlagert.

Wenn der Herr Kittelmann sein Museum daher nicht zum grössten Off-Space überhaupt ausruft, dann weil der Off-Space schon vollkommen innerhalb der Begierde der Anderen existiert. Nur, wenn diese Negierde allzu real wird und sich in Besucherschwund oder Subventionsabbau zu äussern droht, muss er gegensteuern und schnell einen "Publkikumserfolg", sprich ein "lebendiges Museum" inszenieren.

Der reale Off-Space, an Lola Montez zur Genüge untersucht, ist eine Fiktion. Eine notwendige allerdings. Wenn die Kunst Selbst-Identität nur um den Preis der Tautologie darstellen kann, dann leert sich ihr Zentrum zu einer Peripherie hin, von der alle gebannt schauen, was wohl im "Ring" vor sich gehen mag. Wer sich zum Trotze darin aufhält, wird ausgebuht.

Folgerichtig kann die Blickle Stiftung die Peripherie zum eigentlichen Ziel erklären:

> Wer sich wirklich für eine Ausstellung interessiert, nimmt auch eine
> längere Anreise in Kauf. Es kann nicht sein, dass Gegenwartskunst
> immer nur in den Metropolen stattfindet.

Wer hier Heideggers "Schöpferische Provinz" anklingen hört, wird wohl vermuten, dass es sich um Holzwege handelt.

> frankfurterkunstverein
>
> EMOTION EINS
> 6. Juni ­ 18. Juli 2004 (Ursula Blickle Stiftung)
> 8. Juni ­ 8. August 2004 (Frankfurter Kunstverein)
> please scroll down for english version
>
> Eroeffnung
> Ursula Blickle Stiftung: Samstag, 5. Juni 2004, 19 Uhr
> Frankfurter Kunstverein: Sonntag, 6. Juni 2004, 18 Uhr (ab 20 Uhr: Viola
> Klein legt auf)
>
> Fikret Atay, Vanessa Beecroft, Marc Brandenburg, Duncan Campbell, Sebastian
> Diaz Morales, Rineke Dijkstra, Matias Faldbakken, Ulrike Feser, Liam
> Gillick, Alexander Gutke, Richard Hawkins, Laura Horelli, Nestor Krueger,
> Hans-Joerg Mayer, Shahryar Nashat, Mark Raidpere, Benny Nemerofsky Ramsay,
> Egle Rakauskaite, RothStauffenberg, Stiina Saaristo, Seifollah Samadian,
> Kevin Schmidt, David Shrigley, Javier Tellez, Su-Mei Tse, Gavin Turk, Gitte
> Villesen/ Lars Erik Frank, Markus Weisbeck, Andro Wekua, Florian Wuest
>
> Die Ausstellung behauptet keine neue emotionale Qualitaet der
> Gegenwartskunst, stellt jedoch die Rhetorik des Gefuehls deutlich in den
> Vordergrund. Die Ausstellung thematisiert anhand ausgewaehlter
> zeitgenoessischer Kuenstler das nicht ganz unbefangene Verhaeltnis von
> kuenstlerischer Aussage und emotionaler Wirkung.
>
> Emotion Eins ist eine Produktion der Ursula Blickle Stiftung in Kooperation
> mit dem Frankfurter Kunstverein und wird an beiden Orten parallel gezeigt.
> Kurator: Nicolaus Schafhausen
>
> Die Ausstellung wird grosszuegig unterstuetzt von SCREENMAXX - Multimedia,
> Praesentationstechnik, Homecinema http://www.screenmaxx.com.
> Zusaetzliche Foerderung erfolgt durch die Botschaft von Kanada.
>
>
> Filmprogramm zur Ausstellung:
>
> Montag, 5. Juli, 19.00 Uhr: Rainer Werner Fassbinder - SATANSBRATEN, 1976
> Dienstag, 6. Juli, 19.00 Uhr: Rainer Werner Fassbinder - CHINESISCHES
> ROULETTE, 1976
> Mittwoch, 7. Juli, 19.00 Uhr: Rainer Werner Fassbinder - ANGST VOR DER
> ANGST, 1975
> Donnerstag, den 22. Juli, 19.15 Uhr: Claire Denis - BEAU TRAVAIL, 1999
> Donnerstag, 22. Juli, 21.15 Uhr: Claire Denis - Kurzfilme
> Die Filme werden gezeigt im Kino: Orfeo's Erben, Hamburger Allee 45,
> Frankfurt am Main
>
> --
>
> Frankfurter Kunstverein
> Steinernes Haus am Roemerberg
> Markt 44
> D - 60311 Frankfurt am Main
>
> T: +49 (0)69 219 314 0
> F: +49 (0)69 219 314 11
>
> post@f...
> http://www.fkv.de
>
> Oeffnungszeiten: Di - So 11 - 19 Uhr
> Führungen: Sonntags 15 Uhr
>
> --
>
> Ursula Blickle Stiftung
> Muehlweg 18
> D - 76703 Kraichtal-UO
> T: +49 (0) 7251 60919
> F: +49 (0) 7251 68687
>
> http://www.ursula-blickle-stiftung.de
> ursula-blickle-stiftung@t...
>
> Oeffnungszeiten: Mi 14 - 17 Uhr, So 14 - 18 Uhr
>

Note: https://web.archive.org/web/20040706195624/http://www.ursula-blickle-stiftung.de/_/2004.htm

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3 Kommentare

Re: abseits vom konventionellen kunstbetrieb?

Abseits vom konventionellen Kunstbetrieb? - 03. June 2004 - 22:10

hallo stbeck, ich finde es ziemlich unprofessionell wie du hier leute outest. es müsste doch mittlerweile bekannt sein, das adressen und namen in threads in den suchmaschinen auftauchen. das hätte man etwas feiner machen können. mfg. gast

Re: abseits vom konventionellen kunstbetrieb?

Abseits vom konventionellen Kunstbetrieb? - 03. June 2004 - 22:21

Was meinst du denn mit "unprofessionell"?

Alle angaben und daten bis auf das telefongespräch mit Frau Blickle waren doch vorher schon öffentlich zugänglich.

Re: abseits vom konventionellen kunstbetrieb?

Abseits vom konventionellen Kunstbetrieb? - 08. June 2004 - 11:17

wer sich in die öffentlichkeit begibt, kommt darin um. jemand, der sich distinktiv oder materiell an der öffentlichkeit bereichert, steht damit zur diskussion. das kann positiv bewertet werden, aber auch ein negatives urteil zum vorschein kommen. auf keinen fall jedoch gibt es ein zurück, nachdem der eintritt ins rampenlicht getan wurde. insofern ist es falsch, hier von "outing" zu sprechen, richtig ist hingegen, dass du mit deinem moralischen hinweis versuchst, die kritik im keime eines deterritorialisierten über-ichs (huch! schon wieder der große andere) zu ersticken.

mfg
braan

 

* * *

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