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"Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans-Bernhard Nordhoffs

08. May 2004 - 21:19

Am 13. Mai entscheidet das Stadtparlament über den künftigen Kulturdezernenten; nach aller Wahrscheinlichkeit behält Dr. Hans-Bernhard Nordhoff weitere sechs Jahre diese Position. Im Februar protestierten über 100 Frankfurter Kulturschaffende mit einem offenen Brief gegen die Wiederwahl. Der Brief provozierte Bürger und Politiker zu Äußerungen, die von einem sehr beschränkten Kulturverständnis zeugen.

Die Hauptabsicht des Briefs war, auf den Umgang der Frankfurter Politik mit dem Amt hinzuweisen. Denn nach dem Koalitionsvertrag von CDU, SPD, FDP und den Grünen steht der SPD das Kulturressort zu: Auf diese Weise entscheidet bei der Nominierung des Kandidaten nicht die Eignung, sondern die Parteizugehörigkeit. Die Unterzeichnenden des Briefs wenden sich nun dagegen, daß das für Frankfurts Kultur wichtigste Amt „in einem politischen Koppelgeschäft verhökert“ wird.
Im Brief werden außerdem die Person und die Amtsführung Nordhoffs angegriffen. Er sei für zahlreiche „Pannen und Versäumnisse“ verantwortlich; demnach zeichneten ihn „mangelnde Kommunikationsbereitschaft“, ein „Hang zur Bürokratie“, „seine Kunst des Abtauchens und Verschleppens“, sein „Nicht-Engagement“ aus.

Gegen den Vorwurf der Amtsverhökerung wendet der Frankfurter SPD-Vorsitzende Franz Frey ein, daß die Wahl nicht in einem Plebiszit entschieden werde – Sozialhifeempfänger müßten sonst den Sozialdezernenten, Architekten den Baustadtrat wählen dürfen. Gegen dieses Argument läßt sich das Beispiel München anführen, wo es üblich ist, Kulturschaffende und –interessierte an der Auswahl des Kandidaten zu beteiligen.
Bei der Kritik an Person und Amtsführung stört, daß die Nordhoff zugeschriebenen Fehler nur stichpunktartig aufgezählt sind. Nur Eingeweihte können die Stichhaltigkeit der Vorwürfe bewerten, für alle anderen wirkt die Kritik allgemein und wenig überzeugend.
Allerdings stellt Nordhoff sich selbst mit seiner Reaktion auf den Brief in bemerkens-wert ungünstiges Licht. Er nennt die Initiative einen „Oberschwachsinn“ und habe „selten so gelacht“. Mit dieser pauschalen Abwertung demonstriert er Respektlosigkeit gegenüber den Unterzeichnenden. Diese lassen sich aber nicht als frustrierte Bittsteller abspeisen, die nach der Verweigerung von beantragten städtischen Geldern nun einem Rachefeldzug anhängen. Vielmehr repräsentieren die Unterzeichnenden die vom Kulturdezernat unabhängige Frankfurter Kultur, darunter Verantwortliche des Suhrkamp-, Fischer- und Eichborn-Verlags, Schriftsteller (u.a. Eva Demski), Künstler (u.a. Claus Bury), Schauspieler (u.a. Hannelore Elsner) und Wissenschaftler (u.a. Wolf Singer).
Die Leiter der dem Kulturdezernat zugeordneten Institutionen sind geteilter Meinung. Der Direktor von Städel und Liebieghaus Herbert Beck äußert sich zufrieden. Dagegen setzte der Intendant der Alten Oper Michael Hocks mit seiner Unterschrift unter den Brief ein deutliches Zeichen, da er sich aus vertragsrechtlichen Gründen eigentlich nicht gegen seinen Dienstherrn stellen darf.

In den Äußerungen Freys und Nordhoffs schwingt ein kulturfeindlicher Unterton mit; in der Erklärung der SPD-Gallus zum Abschied von William Forsythe wird die zugrunde liegende Haltung ausgesprochen: „Endlich werden für die Kulturobergurus keine Verträge mehr gemacht, die es diesen Leuten erlaubt haben [...] den Bürgern auf der Nase herumzutanzen. Endlich müssen auch sie nachweisen, daß sie für ihr Geld etwas leisten und der Bevölkerung dienen.“ Offensichtlich funktioniert die Vermittlung zwischen Kunst und Gesellschaft nicht. Dies wäre aber eine zentrale Aufgabe der Kulturpolitik.
Zu den Erfolgen der Frankfurter Kultur während der letzten Jahre zählen die Besucherrekorde an den Museen. Diese bedeuten jedoch nicht, daß jetzt ein Großteil der Bevölkerung an Kunst interessiert und damit das Konzept der „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann) umgesetzt wäre. Vielmehr gilt in der Politik das Ideal des Kulturdezernenten, der den steuerzahlenden Bürgern der Stadt ein akzeptiertes Programm bereitstellt. Dazu gehört, die städtischen Institutionen (u.a. Museen) aufzubauen und „Events“ anzubieten. Infolge dieser Festlegung ist Nordhoffs Amtsführung nachvollziehbar: Er muß nicht das ganze Terrain der Frankfurter Kultur pflegen, weil von ihm erwartet wird, daß sie nur innerhalb enger Grenzen wächst. Daraus folgt: Daß es dennoch eine lebendige Kunst- und Kulturszene gibt, die auch sperrige Projekte umfaßt, ist weder der Verdienst noch das Ziel der derzeitigen Frankfurter Kulturpolitik.

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6 Kommentare

Re: "Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans

10. May 2004 - 14:42

Und die CDU???

Absprache hin oder her, kann sie es zulassen, so eine graue Maus im Haus zu haben? Oder liegts daran, dass die schöne Petra eher froh ist, wenn die SPD einen unscheinbaren Kulturdezernenten stellt. Der kommt ihr dann weniger in Quere, denn Kultur will Petra auch gerne alleine machen.

Also, Rückspiel an die SPD:

Sie ist doch nicht mit der CDU verheiratet, es müsste also in ihrem eigenen Interesse liegen, auf Dezernatsebene mit profilierten Personen aufzuwarten.

Re: "Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans

ctaxer - 13. May 2004 - 16:46

Grundsätzlich sieht die Situation im Römer so aus, daß alle zufrieden mit dem status quo sind, denn alle großen und größeren Parteien sind in diesem Viererbündnis aufgehoben. Deshalb hängen auch alle am Koalitionsvertrag; wer ihn bricht - beispielsweise durch Boykott des Herrn Nordhoff - der zerstört das Bündnis. So akzeptiert man die Nominierung Nordhoffs.
Speziell die CDU freut sich natürlich über Nordhoff, der tatsächlich - wie Du vermutest - sich so trottelig angestellt hat, daß er einige Kompetenzen an Roth abgeben mußte. Beispielsweise muß er die OB regelmäßig über die Finanzsituation der Bühnen unterrichten, nachdem er den Überblick über den Haushalt verloren hatte.
Man kann nun nach den Gründen der SPD fragen, an Nordhoff festzuhalten. Da gibt es das vielbesprochene "Trauma": Nachdem die Vorgängerin Linda Reisch durch die Stimmen auch der eigenen Partei geschaßt wurde (1998), hat man nun Angst zuzugeben, wieder einen 'falschen Kandidaten' gefördert zu haben - ließe man Nordhoff fallen, hieße es, die SPD verfüge nicht über geeignete Vertreter ... Aber ehrlich gesagt, überzeugt mich dieses Argument nicht - schließlich war die Amtszeit jetzt abgelaufen und man hätte mit Grazie einen anderen Kandidaten küren können. Vielleicht ist man in der SPD bzw. allgemein in den Parteien wirklich mit Nordhoff zufrieden, weil er eine solche Kulturauffassung vertritt, wie man sie sich wünscht?!

Re: "Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans

stbeck - 13. May 2004 - 18:12

"Vielleicht ist man in der SPD bzw. allgemein in den Parteien wirklich mit Nordhoff zufrieden, weil er eine solche Kulturauffassung vertritt, wie man sie sich wünscht?!"

Tja, in der Rundschau war heute folgendes zu lesen:

"Die Unterzeichner haben öffentlich gemacht, was die Politik am liebsten verschweigen will: Dass diese Wahl nichts mit Kultur, alles dagegen mit Macht und ihrem Kalkül zu tun hat. Deswegen hat es eine standhafte Verweigerung jeglicher kulturpolitischer Diskussion durch die politischen Parteien gegeben. Diese Form von Rückendeckung wird es Nordhoff, bei allen Schwächen, die er ohnehin schon hat, in den kommenden Jahren nicht leichter machen. Von allen gewählt, von niemand unterstützt.

Daraus ergibt sich die weitreichendeste Frage: Was würde es über die Möglichkeiten politischen Handelns sagen, wenn man den Fall Nordhoff als Symptom begreifen würde. Die Resignation, die jede Antwort auf diese Frage hervorrufen muss, ist der größte Schaden solcher Vorgänge."

Kultur = Macht, die Formel kennen wir scho lange, haben sie aber immer noch nicht gründlich genug analysiert.

Ein wenig hoffnung...

stbeck - 14. May 2004 - 17:10

Wie erwartet hat Nordhoff es geschafft, allerdings zeigt die Stimmenauswertung, daß die Sache nicht so einstimmig verlief, wie vielleicht angenommen. Heute war in Rundschau zu lesen:

"Nordhoff erhielt 58 Ja-Stimmen bei 29 ablehnenden Voten und fünf ungültigen Stimmen. 81 Ja-Stimmen hätte der Stadtrat erreichen müssen, hätte das Römer-Bündnis ihn komplett unterstützt. Nahezu die komplette Fraktion der Grünen (13 Sitze) und etliche der 36 CDU-Stadtverordneten müssen gegen Nordhoff gestimmt haben. "

Daß wir nun weitere sechs Jahre mit Nordhoff leben müssen, steht allerdings noch nicht fest:

Für Nordhoff hatte Roth nur einen knappen Händedruck übrig. In der CDU gibt es jetzt die Überlegung, Nordhoff nach der Kommunalwahl 2006 wieder abzuwählen - wenn sich die Mehrheitsverhältnisse ändern. CDU-Fraktionschef Uwe Becker sagte der FR, natürlich werde "eine bürgerliche Mehrheit" nach der Kommunalwahl "andere Personalentscheidungen treffen".

Eine sehr vage Hoffnung. Erst muß die CDU gewinnen, dann müsste sie sich Nordhoff vornehmen. Was dagegen sprechen könnte war neulich einem Kommentar zu Finanzminister Eichel zu entnehmen: "Schröder ist derzeit froh, einen 'Prügelknaben' behalten zu können. Löste er Eichel ab stünde der Nachfolger unter zu grossem Druck Erfolge bis zur Bundestagswahl 2006 vorweisen zu müssen."
Wenn nur die Macht, nicht aber die Sache zählt, wäre nicht auszuschliessen, daß die CDU ähnlich verführe.

Re: "Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans

18. June 2004 - 23:50

Das Problem der Frage nach dem (Un)wesen der Frankfurter Kultur verkörpert sich nicht in der Person HB Nordhoffs, es wird lediglich mit ihm identifiziert.

Da die Stadt so gut wie kein Budget mehr für Kultur bereitstellt bzw. in den meisten Fällen nur noch Anteile einer Finanzierung mitträgt, wenn sich Dritte daran beteiligen (z. B. Friedrich von Metzlers 2/3 - 1/3 Modell) - kommt es eben in den meisten Fällen zu der beklagten "Event-Kultur".

Die Gründe dafür sind vielschichtig, man kann nicht einer Figur in diesem Spiel die "Schuld" an der Misere zuschreiben.

Ich schildere das mal am Beispiel der Museen, weil mir die Situation hier etwas besser bekannt ist und weil gerade die Museen im Mittelpunkt dieser ganzen Debatte stehen.

Letztlich ist HB Nordhoff also kein schlechter Kulturpolitiker (auch wenn er in der Oper einschläft, wenig bis keine Ahnung von Kunst/Musik hat etc.). Immerhin erreicht er, dass Teile der Frankfurter Kulturinstitutionen - mehr schlecht als recht - auf diese Weise überleben. Dass er sich damit zum Lobbyisten einer Gesellschaft macht, die eine bestimmte Art der Repräsentation bevorzugt und die Situation ausnutzen kann, um Markenterror zu verbreiten, ist eine andere Sache.

- Caroline -

Re: "Kultur für alle" oder "Event-Kultur"? Einige Überlegungen zur Kulturpolitik Hans

stbeck - 02. July 2004 - 19:30

Ich würd auch ungern mit dem Herrn Nordhoff tauschen. Dass an den Museen nicht weiter gespart wird, kann ich auch nur begrüssen, ich arbeite selbst da.

Worauf der artikel aber abzielt, ist, ob wir an der spitze des kulturdezernats nicht eine etwas profiliertere figur haben könnten? Die ziele und perspektiven vermitteln kann, nicht bloss den rechenschieber beherrscht. Letzteres könnte man doch einem fähigen beamten überlassen. Der Herr Eichel schreibt seinen haushalt ja auch nicht selbst, aber er muss ihn glaubhaft nach aussen vertreten können. Aber genau daran hapert es bei Nordhoff.


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