Die Hauptabsicht des Briefs war, auf den Umgang der Frankfurter Politik mit dem Amt hinzuweisen. Denn nach dem Koalitionsvertrag von CDU, SPD, FDP und den Grünen steht der SPD das Kulturressort zu: Auf diese Weise entscheidet bei der Nominierung des Kandidaten nicht die Eignung, sondern die Parteizugehörigkeit. Die Unterzeichnenden des Briefs wenden sich nun dagegen, daß das für Frankfurts Kultur wichtigste Amt „in einem politischen Koppelgeschäft verhökert“ wird.
Im Brief werden außerdem die Person und die Amtsführung Nordhoffs angegriffen. Er sei für zahlreiche „Pannen und Versäumnisse“ verantwortlich; demnach zeichneten ihn „mangelnde Kommunikationsbereitschaft“, ein „Hang zur Bürokratie“, „seine Kunst des Abtauchens und Verschleppens“, sein „Nicht-Engagement“ aus.
Gegen den Vorwurf der Amtsverhökerung wendet der Frankfurter SPD-Vorsitzende Franz Frey ein, daß die Wahl nicht in einem Plebiszit entschieden werde – Sozialhifeempfänger müßten sonst den Sozialdezernenten, Architekten den Baustadtrat wählen dürfen. Gegen dieses Argument läßt sich das Beispiel München anführen, wo es üblich ist, Kulturschaffende und –interessierte an der Auswahl des Kandidaten zu beteiligen.
Bei der Kritik an Person und Amtsführung stört, daß die Nordhoff zugeschriebenen Fehler nur stichpunktartig aufgezählt sind. Nur Eingeweihte können die Stichhaltigkeit der Vorwürfe bewerten, für alle anderen wirkt die Kritik allgemein und wenig überzeugend.
Allerdings stellt Nordhoff sich selbst mit seiner Reaktion auf den Brief in bemerkens-wert ungünstiges Licht. Er nennt die Initiative einen „Oberschwachsinn“ und habe „selten so gelacht“. Mit dieser pauschalen Abwertung demonstriert er Respektlosigkeit gegenüber den Unterzeichnenden. Diese lassen sich aber nicht als frustrierte Bittsteller abspeisen, die nach der Verweigerung von beantragten städtischen Geldern nun einem Rachefeldzug anhängen. Vielmehr repräsentieren die Unterzeichnenden die vom Kulturdezernat unabhängige Frankfurter Kultur, darunter Verantwortliche des Suhrkamp-, Fischer- und Eichborn-Verlags, Schriftsteller (u.a. Eva Demski), Künstler (u.a. Claus Bury), Schauspieler (u.a. Hannelore Elsner) und Wissenschaftler (u.a. Wolf Singer).
Die Leiter der dem Kulturdezernat zugeordneten Institutionen sind geteilter Meinung. Der Direktor von Städel und Liebieghaus Herbert Beck äußert sich zufrieden. Dagegen setzte der Intendant der Alten Oper Michael Hocks mit seiner Unterschrift unter den Brief ein deutliches Zeichen, da er sich aus vertragsrechtlichen Gründen eigentlich nicht gegen seinen Dienstherrn stellen darf.
In den Äußerungen Freys und Nordhoffs schwingt ein kulturfeindlicher Unterton mit; in der Erklärung der SPD-Gallus zum Abschied von William Forsythe wird die zugrunde liegende Haltung ausgesprochen: „Endlich werden für die Kulturobergurus keine Verträge mehr gemacht, die es diesen Leuten erlaubt haben [...] den Bürgern auf der Nase herumzutanzen. Endlich müssen auch sie nachweisen, daß sie für ihr Geld etwas leisten und der Bevölkerung dienen.“ Offensichtlich funktioniert die Vermittlung zwischen Kunst und Gesellschaft nicht. Dies wäre aber eine zentrale Aufgabe der Kulturpolitik.
Zu den Erfolgen der Frankfurter Kultur während der letzten Jahre zählen die Besucherrekorde an den Museen. Diese bedeuten jedoch nicht, daß jetzt ein Großteil der Bevölkerung an Kunst interessiert und damit das Konzept der „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann) umgesetzt wäre. Vielmehr gilt in der Politik das Ideal des Kulturdezernenten, der den steuerzahlenden Bürgern der Stadt ein akzeptiertes Programm bereitstellt. Dazu gehört, die städtischen Institutionen (u.a. Museen) aufzubauen und „Events“ anzubieten. Infolge dieser Festlegung ist Nordhoffs Amtsführung nachvollziehbar: Er muß nicht das ganze Terrain der Frankfurter Kultur pflegen, weil von ihm erwartet wird, daß sie nur innerhalb enger Grenzen wächst. Daraus folgt: Daß es dennoch eine lebendige Kunst- und Kulturszene gibt, die auch sperrige Projekte umfaßt, ist weder der Verdienst noch das Ziel der derzeitigen Frankfurter Kulturpolitik.


