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Wir basteln uns eine Region...

01. February 2004 - 21:15

Wenns die Politik nicht schafft, so machen wir es selbst, lautete der Slogan unter dem die Wirtschaftsinitiativen Medienmittwoch und Metropolitana zum einem offenen Workshop in die Industrie und Handelskammer Frankfurt (IHK) luden.
Ziel der Veranstaltung war interessierten BürgerInnen die Gelegenheit zu geben ihre Vorstellungen einer zukünftigen Rhein-Main Region zu formulieren und in eine Datenbank zu übergeben.
Mich hat als Betreiber einer Plattform, die der Verbesserung des Kulturlebens dient, interessiert, was da geschehen würde...

Ganz medizinisch wurde schon im Vorfeld eine Diagnose erstellt und dem „Patienten“ eine Therapie verordnet:

Die Regionalwerkstatt wird Visionen für das Rhein-Main-Gebiet entwickeln, die das Profil der Region in der internationalen Standortkonkurrenz schärfen und die Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung verbessern können. Dazu sollen in fünf Themenfeldern Leitideen gefunden werden. Sie sollen Basis sein für konkrete Projektarbeit. Ihre über die Region hinaus wirkende Strahlkraft soll die Attraktivität des Standorts für Bürgerinnen, Bürger und Investitionen verbessern. Die gemeinsame Umsetzung der Projekte soll das Identitätsgefühl der Bewohner stärken.

An die 600 Therapeuten überfüllten den Plenarsaal der IHK, um die sehr förmliche Einleitung über sich ergehen zu lassen. Darin übertrumpften sich einige Referenten in ihren Bekenntnissen zur Region (...aufgewachsen in Hanau, zur Schule in Fulda....) und versprühten Visionswolken, die von geistig kulturellem Fusionsfieber geprägt waren: alle Universitäten zusammenlegen, alle Fußballvereine und Fußballstadien, alle Forschungseinrichtung und alle Regionalparlamente. Am Ende, 2020, wäre das Schönste an Frankfurt Heidelberg, und „Frankfurt RheinMain“, wie sie es nannten, würde Zentrum des Frauenfußballs und Ausrichter einer Ruderregatta, - in Frankfurt Hanau.

Schließlich gings dann in die Arbeitsgruppen, die Vorschläge für Verbesserungen sammeln sollten. Diese hiessen: Wirtschaft und Ansiedlung, Markenbildung und Kommunikation,Kultur und Tourismus, Sport und Freizeit, Verkehr und Infrastruktur.

Mich zog es natürlich Kultur und Tourismus, wobei das „und“ schon die Richtung vorgab. Das Mittel zur Sammlung von Vorschlägen nannte sich „Visionsspiel“, das so funktionierte. Auf die Fragen „Wie sieht die Region 2020 aus?“ und „Wie ist es dazu gekommen?“ sollten je zwei Personen sich wechselseitig ihre Gedanken notieren. Einer spricht, der andere schreibt, und umgekehrt. Anschliessend wurden die Ergebnisse gesammelt, in Auszügen vorgetragen, und schliesslich nochmals im Plenum referiert. Danach konnte, wer wollte, noch zu einem Bier bleiben.

Gemeinhin unspektakulär. Hier wäre vielleicht der Anlaß einige der Vorschläge zu kommentieren, aber die hielten sich so ziemlich im Ungefähren, wozu sicherlich schon die Größe der Sektion mit vielleicht 100 Teilnehmern beitrug. Das Verfahren wurde frontal abgehandelt und blieb recht unkommunikativ.
Mehr Kunstpreise für junge Künstler, Kultur und Tourismus fördern, Öffentlichen Nahverkehr ausbauen, Landkreise abschaffen, - das ist sattsam bekannt und wenig neu. Symptomatisch für die generelle Herangehensweise schien mir die Idee ein riesiges Land-Art Kunstwerk zu schaffen, das aus der Luft sichtbar sein sollte. Das korreliert mit der allgemeinen Tendenz im Zuge der Globalisierung alles aus der Vogelperspektive zu betrachten. Nur, „da oben“ wohnt niemand. Von Mainz nach Aschaffenburg fliegt man nicht mit dem Space Shuttle, sondern nimmt eine siffige S-Bahn. Zen, heisst es in Japan, sei der Geist des Tales. Jeder Vision ihre Niederung.

Vielleicht ist es zuviel verlangt von einer Auftaktveranstaltung gleich den großen Wurf zu erwarten. Wie mitgeteilt wurde, sollen alle Vorschläge zuerst auf einer Webseite veröffentlich werden. Man wird sehen, was dann passiert.

Fraglich an der ganzen Angelegenheit schien mir jedoch das stipulierte Deffizit auf den Begriff der Region hin zu konzentrieren. Mag ja sein, daß das eintritt, was sich die Veranstalter erhoffen und am Ende eine Art Groß-Chicago mit etwas Landwirtschaft (Ernst Bloch) herauskommt, - aber was machen die anderen, die nicht den Vorzug einer Region i.G. (in Gründung) besitzen? Kassel, Marburg, Pforzheim, Osnabrück? Wäre es nicht spannender dahin zu sehen, was wirklich regional (als Gegensatz zur Region) ist und bleibt?

Als Anreiz der Werbespruch der kleinen fränkischen Biermarke Faust:
International unbedeutend.
National zweitrangig.
Regional der Hammer!

Link:
http://www.medienmittwoch.de/regionalwerkstatt/


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14 Kommentare

Re: Wir basteln uns eine Region...

jonas - 02. February 2004 - 18:09

Was mich an der ganzen Angelegenheit stört, ist dass permanent visioniert wird wie man die Region international positioniert (nämlich vorne). Dazu passt dann auch die Idee von einem Kunstwerk, dass die in Frankfurt einfliegenden Passagiere beeindrucken soll. Aber was ist mit denen die hier wohnen? Sollte es nicht primär um die Verbesserung unserer Lebensqualität gehen? Nicht wirklich: Siehe Herrn Benders ("Ich bin Rhein-Mainer") Flughafenausbau, der einem Großteil der Region massiv schaden wird, siehe Kulturpolitik Ffm etc. Mich beschleicht das Gefühl dass es bei den Visionen für Rhein-Main fast nur darum geht, möglichst viele Spektakel zu schaffen, mit denen man sich anderswo brüsten kann.

Re: Wir basteln uns eine Region...

stbeck - 02. February 2004 - 18:59

Ich glaub, es ist nicht ganz so einseitig gemeint, wie du vermutest. Allerdings denkt man in einem umweg: wenn die region "vorne" ist, dann wird hier investiert, und dann gehts allen gut.

Vor der hand ist das verfahren ja noch offen. Es besteht u.u. die möglichkeit dass bürgeranliegen zu wort kommen. Dagegen, dass sich tatsächlich manche fünf neue landebahnen oder einen skulpturenwanderweg wünschen, ist man natürlich nicht gefeit.

Re: Wir basteln uns eine Region...

jonas - 03. February 2004 - 18:48

Aber "wir" stehen doch europaweit ganz gut da. Und sollten wir, nur um in die Pole Position direkt hinter London und Paris zu gelangen alles dem Verkehr und der Wirtschaft unterordnen? Um dann ein paar schöne Parkanlagen, schöne U-Bahn Stationen, schöne Alleen zu erhalten?
Anyway, es ist natürlich leicht zu kritisieren aber selber nichts zu tun (wie ich das tue).

Re: Wir basteln uns eine Region...

stbeck - 03. February 2004 - 19:52

Sicherlich besteht eine starke tendenz wirtschaft und verkehr zu priorisieren, aber selbst Petra Roth hat heute in HR1 von Kultur als "produktivfaktor" gesprochen. Immerhin.

Auch im Römer wissen sie, dass sie aufs Frankfurter Kreuz nicht weiklich stolz sein können. Und wenn die leute am flughafen nur umsteigen hilfts auch nichts.

Re: Wir basteln uns eine Region...

Ebd. - 04. February 2004 - 12:05

für die kombination von wirtschaft, wissenschaft und kunst scheint sich der badische kunstverein in karlsruhe derzeit zu interessieren:
MEHR WERT - Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler im Dialog
http://www.kritische-aesthetik.de/mehrwert.html

erinnert mich an deine exkursionen zu diversen wirtschafts-meeting-partys.

Re: Wir basteln uns eine Region...

stbeck - 04. February 2004 - 18:52

Vielleicht ein fortschritt, wenn man mit statt über künstler sprechen will. Letzteres ist ja hier, und noch nichtmal auf den wirtschafts meetings, sehr verbreitet.

Re: Wir basteln uns eine Region...

braan - 12. February 2004 - 22:52

was mich am meisten an dieser angelegenheit verunsichert, ist die große energie, mit der versucht wird, frankfurt als medienstandort zu positionieren. erstens einmal hat das keinerlei historische basis, und zweitens ist es auch mutmaßlich realitätsfern. es gibt hier ein paar webeagenturen, ja. und auch eine verwaltungsbehörde mit eigenem fernesehsender, ja, leider. und zwei tageszeitungen, von denen eine nicht einmal mehr auf stadtgebiet druckt und die andere mühe hat, ihre konservative identität zu bewahren. der größte arbeitgeber der region ist hingegen der fraport, zweifelsfrei ein wirtschaftsfaktor der bereiche transport und logistik. ach ja: frankfurt hat die überregional unbedeutendste kunstmesse europas, wenn man medien audiovisuell, frei und lustvoll begreifen mag. – wieviele wahrsager ("medien") in der region ansässig sind, weiss ich nicht.

Re: Wir basteln uns eine Region...

stbeck - 12. February 2004 - 23:44

ich kann ja den initiatoren nicht ganz meine sympathie entziehen, denn letztlich versuche ich ja sowas auch, frankfurt (für mich) besser zu positionieren, aber ich teile keineswegs die gleiche vorstellung über die objekte, die da besser positioniert werden sollten. Wie du sagst, die paar werbeagenturen (den post auf tresurban gesehen, wo burnett gleich ein ganzes team sucht?), und die behörde mit angeschlossener sendestation, - irrelevant.

Positionierung kann ja auch abwärts verstanden werden, also hier müsste z.b. der kulturdezernent, die wirtschatsförderung und die IHK abgewertet werden, nur mal als bspl.

Institut für Kultur und Management

Ebd. - 18. February 2004 - 09:47

Schon gesehen?
http:/ www.ikm-frankfurt.de

"Das Institut für Kultur und Management (IKM) www.ikm-frankfurt.de ist eine Neugründung des Künstlerhaus Mousonturm gemeinsam mit boijens kultur und management (bkm) Frankfurt und eine Novität in der Region Frankfurt/Rhein-Main. Ab April 2004 veranstaltet das IKM jeweils im Frühjahr und Herbst im Künstlerhaus Mousonturm inhaltlich aufeinander abgestimmte Seminare und Workshops, die speziell auf die Bedürfnisse von Nutzerinnen und Nutzern aus dem Bereich Kunst und Kultur zugeschnitten sind. Das IKM bietet Selbstständigen und Führungskräften aus Kunst und Kultur somit qualifizierte und praxisnahe Möglichkeiten der Weiterbildung. Für Teilnehmer aus Frankfurt, die im Bereich Darstellende Kunst tätig sind, vergibt das Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt am Main eine begrenzte Anzahl von Seminar-Stipendien in der Reihenfolge der Anmeldungseingänge.
Jeweils ein besonderes Seminar bietet das IKM für Führungskräfte aus Wirtschaft und Kultur an."

Re: Institut für Kultur und Management

stbeck - 18. February 2004 - 17:09

Ich will mal hier übergehen, dass der obige kommentar vor der hand werbung und daher off-topic ist.

Aber gerade im zusammenhang mit der diskussion um die regionalwerkstatt zielt er in eine vollkommen falsche richtung.

Es mag vielleicht sein, dass auch im gedanken der regionalwerkstatt einiges an Frankfurt verbesserungswürdig ist, aber die hauptstossrichtung liegt doch darin, Frankfurt und die region besser zu positionieren. (Auch wenn dies im hinblick auf wen oder was sicherlich fragwürdig ist.)

In keinem fall sehe ich irgendeinen bedarf für "weiterbildung" von kulturschaffenden, schon gar nicht, dass typen aus der wirtschaft uns erzählen, wie wir uns besser vermarkten ("Management know how"???) könnten.

Umgekehrt, sehe ich einen erheblichen weiterbildungsbedarf von seiten der wirtschaft, der endlich mal erklärt werden müsste, wie einseitig und verbraucht u.a. ihr modell des sponsoring ist.

Tatsache ist, dass es hier in Frankfurt ein erstaunliches potential gibt, was aber ausser ein paar hellen köpfen vom Bauhaus Kolleg in Dessau niemand zu sehen scheint, während es hier vor nur so von blindschleichen in institutionen, behörden und der sog. wirtschaft wimmelt.
Denen gehörte etwas eingebläut, aber nicht den kulturschaffenden.

Re: Institut für Kultur und Management

Ebd. - 18. February 2004 - 18:55

hätte ich vielleicht deutlich machen müssen, dass das nicht als werbung gemeint war, sondern eher, welche blüten es treiben kann, wenn irgendwelche leute meinen "wirtschaft und kultur" unbedingt zusammenbringen zu müssen.

Re: Institut für Kultur und Management

18. February 2004 - 20:51

Ah so,
es war als "schlechter link" gedacht.

Re: Institut für Kultur und Management

18. February 2004 - 21:13

Was sind denn "Führungskräfte aus ... Kultur"? Kuratoren?

Die Ergenisse sind jetzt online:

stbeck - 16. March 2004 - 16:33

Unter www.regionalwerkstatt.de finden sich jetzt die vorschläge aus allen fünf workshops versammelt. Leider nur als PDF.

Hier einige beispiele aus "kultur und tourismus":

Mitarbeiter können ihre Kreativität ausschließlich für ihre Projekte
verwenden, nicht für Sparen und Sponsoring
Gemeinsame Sternwanderung der Bürgermeister auf Feldberg in der
Europawoche. Sämtl. Hotels und Gaststätten führen eine Euro Gourmet
Gaststättentour durch.
Direkte touristische Internetanbindung der Partnerstädte für Kultur und
Reiseaustausch
Preise ausloben mit Präsentationsmöglichkeiten für Künstler der Region
Alle Burgen und Schlösser in Hessen bei Wissenschaftsministerium
zusammengefasst – nicht beim Finanzministerium
Rentenanspruch für alle Künstler
Steuerbefreiung in Höhe des Bürgerbeitrags für die Kultur
Neugründung von Medien- und Filmhochschulen in der Region
Vernetzung der Hochschulen zu integrierten Studiengängen
Moderate Hotelpreise, weltweit brauchbares Ticketing-System für Konzerte,
Theater, Musik etc. Packing for FFM-Rhein-Main
Kurbäder-Verbund, ohne Kurtaxe, Spezialisierung der Behandlung
Weltmusikfestival, Nachwuchsförderung, Musiker aller Länder unterstützt
und eine neue Weltanschauung angeboten
Große Unternehmen geben prozentualen Anteil ihres Gewinns an die Kultur
(wie Migros/Schweiz)
Ausbau von digital crafts, der Sammlung von digitaler Gestaltung des
„MAK“. Erstes Museum für digitale Kultur
Auflagen an die Wirtschaft/Unternehmen hinsichtlich des Umweltschutzes.
Wasserqualität des Mains inzwischen fast „Trinkwasserqualität“, man kann
im Main schwimmen. Weltausstellung fand in Frankfurt statt, dadurch wurde
auch neues Wahrzeichen erbaut
Für junge Leute Europa Sonderzug, Peking-Frankfurt
Interkulturelle Veranstaltungen zur Völkerverständigung
Europa-Studiengang, Stipendium für Studenten aus aller Welt
Die Bürgerstiftung finanziert Schwerpunktprojekte, z.B. Kultur, Gesundheit
Museen wurden mit zeitgenössischer Kunst schwerpunktmäßig bestückt.
Kulturfinanzierung im gesamten Rhein-Main-Gebiet
Frankfurt wird deutsche Hauptstadt, da Berlin entvölkert
Renaissance der Heimatkunde mit Schüler-Patenschaften für Künstler
Städtemacht tritt in den Hintergrund. Vereint Stärke zeigen
Neue Leute an die Macht
Durch unerwarteten Geldregen konnte der Schaumainkai zur
Strandpromenade ausgebaut werden
Kinder werden in Kindergärten und Schulen mit Kultur vertraut gemacht
Stipendien und Domizile für ausländische Künstler und Kulturschaffende
Frankfurt hat Respekt vor den anderen kulturellen Standorten der Region.
Kulturelle Güter bleiben in ihren lokalen, historischen Bezügen erhalten,
aber gemeinsamer Auftritt und Vermarktung.
Die Landkreise sind zu einem Regionalkreis zusammengefasst.
Einrichtung eines kulturellen Projekts, Börse für Kooperationen
Bürgerbeteiligung in erheblichen größerem Umfang


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