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Hinter dem Hinterhof - Unorte in Frankfurt und Offenbach

25. January 2004 - 16:15

Hinter dem Hinterhof erstreckt sich ein Geröllfeld. Den herunter gekommenen Altbau im Rücken laufe ich über das Brachland und entdecke einen kleinen Klinkerbau, gerade groß genug um zwei Zimmern Platz zu geben. Draußen hängt Wäsche an der Leine. Selbst hier im Nirgendsland, weit entfernt von Werbetafeln, Fast food Läden und Warenhäusern lebt noch jemand. In einem kleinen Biotop, oder besser Urbanotop des Zufalls in der Offenbacher Innenstadt.

Was Unterscheidet den Unort vom Ort? Ist ein Unort überhaupt möglich da es sich ja nur um einen nicht-existenden Platz handeln könnte. Dies ist freilich nicht möglich da überall Existenz ist, und sei es auch nur Existenz eines Grüppchens Neutronen und Elektronen weit hinter der Milchstraße. Ein Unort kann also nur ein Ort sein. Welche Orte man nun als Unorte bezeichnet hängt von der subjektiven Interpretation ab. Für einen Konsumenten beispielsweise könnten leer stehende Geschäfte Unorte darstellen. Für Menschen die auf der Suche nach Freiräumen sind verhält es sich umgekehrt. Fußgängerzonen und Kaufhäuser, Orte des geregelten Lebens werden zu Unorten.

Ich möchte hier den Versuch wagen, Orte die sich den klar definierten, zweckorientierten Städteplanerischen Konzepten entzogen haben und zu nutzlosen, ungeplanten Stilblüten wurden als Unorte zu behandeln. Plätze dieser Art gleichen einem Mikrokosmos in der Stadt. Räume die durch nicht - gestalterische Handlungen Vieler oder durch uneigennützige Entscheidungen Einzelner entstanden. Diese Orte gleichen natürlichen, ursprünglichen Landschaften der Natur da sie wie diese, ohne Ziel oder Konzept entstanden oder sich der rationalen Informationsflut entziehen.

Einer dieser Freiräume ist beispielsweise das ehemalige Tambourbad in Offenbach. Dieses wurde mitte der 90iger Jahre geschlossenund vegitiert seit dem vor sich hin. Schwimmbecken und Sprungturm, Umkleidekabinen und Kiosk sind weiterhin vorhanden, verformen sich aber langsam dem Selbstzerfall entgegen. In den Becken steht Regenwasser der vergangenen Jahre und zwischen den Fliesen wächst immer mehr Grün. Auf der einst blauen Rutsche bilden sich Millimeterdicke Dreck - Muster. Das Gelände ist recht groß und erinnert etwas an eine Endzeitlandschaft. Über einem hört man Flugzeuge im Minutentakt und unter den Füßen befindet sich eine dieser 70iger Jahre Mülldeponien, die noch ein reiche Auswahl an Chemikalien beinhaltet. Dieser Unort fühlt sich sehr verlassen an. Es ist als ob man Stadt und Zeit hinter sich gelassen hätte und nun in einer eigenen Kapsel durch das All kreist.

Etwa fünf Minuten vom Tambourbad entfernt befindet sich der Schneckenberg, eine weitere ehemalige Müllkippe. An den Füßen der Hügel liegen kleine Urwälder in denen der Wildwuchs ungehindert wuchert. Es gibt sogar Lianen.

Stille und Alleinsein ganz anderer Art kann man im "Schweige Hof" der Liebfrauenkirche erfahren. Obwohl direkt an der Zeil gelegen dringen in diesen kleinen Hinterhof kaum Geräuche. Ein Platz an dem fast nichts passiert, außer das ab und zu jemand ein Teelicht entzündet und auf den Tisch vor der Kirche stellt. Im Schweige Hof lässt sich die Überreizung eines längeren Innenstadt Aufenthalts erstaunlich schnell abschütteln.

Kerzen machten auch unlängst einen Raum auf einer Party in Rödelheim zum Unort. Auf einer Reihe von Tischen standen Friedhofsleuchten und es war niemand da.

Mehr Spaß verspricht dann doch die "Küsschen Haltestelle" vor einer Sossenheimer Schule.

Ein Ort der durch Gefühle und Emotionen vieler zum Unort wird ist der Sportplatz in Raunheim. Ein 0:0 bei eisiger Kälte färbte alles grau. Ein Sieg hätte alles Rot - Weiss leuchten lassen.

Die bisherigen Orte waren alle recht groß. Aber die kleine Grünfläche in einen Bockenheimer Hinterhof verwandelte sich bei genauem Hinsehen auch in einen eigenen Mikrokosmos. Rechteckig und ca. zwei Quadratmeter groß bietet sie Platz für einen Baum und ein Absperrband am einen Ende. Die drei anderen Seiten liegen frei und so wurde es wohl auch möglich zwei Kickboards zur Verrostung und als dekorative Elemente neben den Baum zu stellen. Desweiteren fand ein Großhandels - Karton mit dem Aufdruck "Bio - Eier" sowie eine Zusammenstellung unterschiedlicher Kleinteile ihren Platz. (Wann ist Kehrwoche?)

Zum Abschluss noch einen Unort zur Aufheiterung: Die "Weinkiste" am Marktplatz in Offenbach. Eine alt-deutsch eingerichtete Kneipe die von Polen zum Verkauf italienischer Pizzen und abspielen amerikanischen Hip Hops genutzt wird.

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2 Kommentare

Re: Hinter dem Hinterhof - Unorte in Frankfurt und Offenbach

20. May 2011 - 11:25

'101 Unorte in Frankfurt' ist der Titel des lesenswerten Buches der Autoren Frank Berger und Christian Setzepfandt."(Zitat FNP)

Schon seit über zehn Jahren betreibe ich mehr oder weniger intensiv meine Internetseite
http://www.Un-Orte.de

Ich bin mehr als überrascht, ja sogar hocherfreut, dass im Jahre 2011 ein öffentliches Interesse an "Frankfurter und Offenbacher Un-orten" besteht:

Na dann wünsche ich den "Un-Orten" in Franfurt am Main und Offenbach am Main einen regen Besucheransturm.

Walter Gerhard Grimbs
ehemaliger Frankfurter Aktionskünstler und Kunstpädagoge
Homepage: http://www.walter-grimbs.de
Email: walter@grimbs.com

Re: Hinter dem Hinterhof - Unorte in Frankfurt und Offenbach

20. May 2011 - 16:49

Vielen Dank für den Hinweis. Das Buch hatte ich auch schon gesehen. Schön, daß Sie uns nochmals daran erinnern. Internet-Seite auch schön. Aber nur 3 Orte? Ist das eine Auswahl? Gerne mehr.

Stefan Beck


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