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5 - Oliver Augst (S. Zimmermann)


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posted on 17.6. 1998 at 13:55
Posted by Oliver Augst (S. Zimmermann) on June 17, 1998 at 12:55:51:

Text

Musik Bühne Hermeneutik
KulturKommentar 5
Texte von gestern:
>Im gegenwärtigen Zustand der Beziehungen zwischen Künstlern und
Publikum sind wir Zeugen einer Riesenproduktion, die vom Publikum
übrigens unterstützt und ermuntert wird. Durch ihre enge Verknüpfung mit
dem Gesetz von Angebot und Nachfrage sind die visuellen Künste eine
"commodity" geworden: das Kunstwerk ist jetzt ein gangbares Produkt wie
die Seife und die "securities".
Man kann sich also sehr wohl die Schaffung eines Syndikats vorstellen,
welches sämtliche den Künstler betreffenden ökonomischen Fragen regeln
würde... man kann sich vorstellen, wie diesees Syndikat den
Verkaufspreis der Kunstwerke bestimmt, so wie das Syndikat der Bleileger
die Löhne jedes Arbeiters reglementiert... man kann sich weiter
vorstellen, wie dieses Syndikat den Künstler zwingt, seine
Persönlichkeit in einem Masse aufzugeben, dass er nicht einmal mehr das
Recht hat seine Werke zu signieren. Würde die Gesamtheit der
künstlerischen Produktion, von einem derartigen Syndikat dirigiert, wohl
eine Art epochemachendes Monument darstellen, das mit den anonymen
Kathedralen vergleichbar wäre??
Diese verschiedenen Aspekte der heutigen Kunst führen uns dazu, sie
global in der Form einer hypertrophierten Exoterik zu betrachten. Ich
meine damit die Tatsache, dass das grosse Publikum viel Kunst, viel zu
viel Kunst akzeptiert und verlangt; dass das grosse Publikum heute
ästhetische Befriedigungen sucht, sie in einem Spiel von materiellen und
spekulativen Werten verpackt sind, und dass es die künstlerische
Produktion zu einer massiven Verwässerung treibt.
Diese massive Verwässerung, die das an Qualität verliert, was sie an
Quantität gewinnt, wir von einer Nivellierung von unten her des
gegenwärtigen Geschmacks begleitet und wird in naher Zukunft einen Nebel
von Mittelmässigkeit zur Folge haben.
Zum Schluss hoffe ich, dass diese Mittelmässigkeit, die durch zuviele
der Kunst per se fremde Faktoren bedingt ist, eine Revolution, diesmal
eine von asketischer Art, herbeiführen wird, über die sich das grosse
Publikum nicht einmal bewusst werden wird und die bloss einige
Eingeweihte entwickeln werden, - am Rande einer Welt, die durch das
Ökonomische Feuerwerk geblendet ist.
The great artist of tomorrow will go underground.<
M.Duchamp 1961

Hübsche Fussnote des Herausgebers der Schriften von Marcel Duchamp:
..."eine für 1961 prophetische Feststellung, die sich in gewissen
"Underground"-Bewegungen der späten sechziger Jahre irgendwie
bewahrheitete"
Es mag vorkommen dass ein Kunsthistoriker in gewissenhafter Ausübung
seines Berufes so scheint es möchte, doch irgendwie gewiss nichts
genaues sagen kann. Bedürfnis nach Geschichtsschreibung? Gegeben
ist...? Möglichkeiten von: Gewissen (was ist das? Nach Freud?) oder
vorauseilendem Gehorsam? (Was ist das jetzt wieder? Geschicktes Handeln
und/oder= Intelligenzleistung Anpassung?) oder was noch? Wessen und wem
gegenüber? Mit wem habe ich hier zu tun? Aufmerksam oder misstrauisch?

>Es gibt Menschen, die unfähig sind zu lügen. Andere können begeistert
und überzeugend lügen. Und die dritten sind eigentlich unfähig zu lügen,
können es aber nicht lassen und tun es hoffnungslos und unbegabt. Unter
gegebenen Umständen, das heisst in getreuer Befolgung der Logik des
eigenen Lebens, spürt nur die zweite Gruppe den Pulsschlag der Wahrheit
und kann sich so den wechselhaften Kurven des Lebens mit fast
geometrischer Genauigkeit anpassen.
...Es ist ein falscher Weg, den die moderne Kunst eingeschlagen hat, die
der Suche nach dem Sinn des Lebens im Namen blosser Selbstbestätigung
abgeschworen hat. So wird das sogenannte schöpferische Tun zu einer
seltsamen Beschäftigung exzentrischer Personen, die nur die
Rechtfertigung des einmaligen Wertes ihres ichbezogenen Handelns
suchen.<
A. Tarkowskij 1984

Mit Texten von gestern,was kostet ein Wort? und einem herzlichen Gruss
aus der Böhmerstrasse, Sabine.

Sabine Zimmermann
TextXTND 6/98

Fragen, Antworten, Einsprüche, Gedanken, weitere Kommentare erbeten an
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  posted on 17.6. 1998 at 15:42
Posted by Stefan Beck on June 17, 1998 at 14:42:48:

In Reply to: 5 posted by Oliver Augst (S. Zimmermann) on June 17, 1998 at 12:55:51:

Die Frage Was kostet ein Wort? wurde erstmals
auf informationstheoretischer Ebene untersucht.
Ein Wortet kostet proportional zum Überraschungswert
seiner Mitteilung. D.h. je zufälliger und ungeorneter
die Mitteilung ist, desto mehr kostet sie. Simpel:
Was jeder weiß, brauch auch nicht übertragen zu
werden, kostet also auch nichts.
Nun hat man mit der Zeit auch festgestellt, das ein
an sich wenig unordentliches Wort wie "Ja" (=10bit)
enorm viel Information übermitteln kann, wenn ich
miteinbeziehe, was dazu nötig war, um dieses "Ja"
zu generieren. Im Moment des "Ja" fällt die ganze
Berechnung weg, die zum "Ja" geführt hat. Das "Ja"
steht stellvertretend für sie. Der Aufwand der
Berechnung wird auch Tiefe der Information genannt.
Schönes Beispiel: Der Kanal des armen Studenten.
Ein armer Student zieht von zuhause weg zum Studium.
Seine Eltern verlangen, daß er sich einmal die Woche
meldet, um zu erzählen, wie es ihm geht. Das ist
dem armen Studenten aber zu teuer, und so vereinbart er
mit seinen Eltern, daß er Sonntags um 16:00 nur
dann anruft, wenn es ihm schlecht geht.
Jeden Sonntag, wenn er nicht anruft, erhalten seine
Eltern die Information, daß es ihm gut geht. Und das
ohne einen Pfennig fürs Telefon auszugeben!


 

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  posted on 26.6. 1998 at 14:02
Posted by sabine zimmermann on June 26, 1998 at 13:02:29:

In Reply to: Was kostet ein Wort? posted by Stefan Beck on June 17, 1998 at 14:42:48:

und wer bezahlt was?
will auch sagen, wer trägt die verluste, von denen
um das risiko eines missverständnisses zu vermeiden,
sicherheitshalber nicht gesprochen wird?
politik ist billig, poesie unbezahlbar?
was den studenten angeht, würde es ihn freilich
auch keinen pfennig kosten, seine eltern zu belügen.
auf diese weise könnte er jeden monat xx pfennige
sparen, sein studium an den nagel hängen, als dj
arbeiten und sich nebenbei was ansparen?
missbrauch der anwesenheitspflicht?


 

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  posted on 2.7. 1998 at 00:21
Posted by Stefan Beck on July 01, 1998 at 23:21:28:

In Reply to: Re: Was kostet ein Wort? posted by sabine zimmermann on June 26, 1998 at 13:02:29:

Liebe Sabine,
Du spielst sicher auch den Rauschabstand des Signals
an. Jedes Signal das durch den Kanal geht, muss
ueberhalb des fuer den Kanal eigenen Rauschens
liegen. Konsequenterweise gibt es auch einen
gesellschaftlichen Rauschabstand. Diejenigen, die
zu den Informations-Habenichtsen gehoeren, gehen
im gesellschaftlichen Rauschen unter. Von denen
kann auch nicht gesprochen werden, weil ihre
Existenz im Rauschen bloss kontingent ist. D.h. sie
sind im Wirrwarr der Stimmen nicht klar vernehmbar.
Fuer sie bleibt nur sich ueber das Rauschen zu
erheben, oder den Kanal zu wechseln.
Politik ist ein Signal, aus dem sehr viel Information
ausgefiltert wurde. Deshalb ist sie gut verstaendlich.
Poesie behaelt diese Information um den Preis ins
Rauschen abzusinken. Wir wissen bei Poesie nie, ob wir
sie selbst, uns oder die anderen vernehmen. Das macht
sie spannend und mehrdeutig (u.U. Unsinn). Poesie
ist Poesie, weil sie sich nicht kuerzer fassen kann.
Politik fasst sich dagegen so kurz als moeglich.
Gleiches gilt auch fuer den DJ. Oder?



 

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  posted on 9.7. 1998 at 12:57
Posted by sabine zimmermann on July 09, 1998 at 11:57:27:

In Reply to: Re: Was kostet ein Wort? posted by Stefan Beck on July 01, 1998 at 23:21:28:

lieber stefan,
>rauschen, nichts als rauschen will ich belauschen<
habe ich vor jahren mal auf einem pinboard gelesen.
inzwischen begreife ich den satz und schliesse
mich dieser aussage an.