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Hafenaufstand in Offenbach

Seit anfang des jahres gibt es in Offenbach einen neuen ort, hafen2, der auf angenehme weise kunst und clubkultur bereichert.
Viele wissen jedoch nicht, daß seine existenz das ergebnis eines städtebaulichen, werbe/wirtschaftlichen kalküls ist.

Der anlass zur folgenden ausführung bot eine veranstaltungsankündigung von hafen2 auf der tresurbain mailingliste vom 27.7. 04:

hafenaufstand
die bisherigen hafenaufstände waren niedergeschlagen worden.
wir versuchen es anders.
eingang am treppenhaus.
das café ist zu.
theke und musik in einem raum.
wir verbessern nach und nach die akustik.
das gelingt so schnell wie es ohne kapital möglich ist.
das licht ist noch nicht so inspiriert.
uns fehlen noch die ideen.

but we have the music.
am samstag: polyester und alexander
house-schallplatten aus nordamerika.

nächsten monat:
theo parrish

helft mit, spread the word,
macht aus dem raum einen klub.
tanzen macht dein leben besser.



Ist das ein Gedicht?
Auf jeden fall ein text, der mit semiotischen mittel untersucht werden kann:
Mich lehrt die semiotik bei jedem zeichen auch den ihm entgegengesetzten signifikanten aufzusuchen.

Im falle von "aufstand" fällt mir dazu "frieden", "ruhe", "idyll", vielleicht auch "beharrung", "bestand" oder "status quo" ein. Zusammen mit "hafen" ergeben sich konnotationen von friedlichen fischern oder anglern, urlaub, sonne, unbeschwertheit.

Dem entgegen bemerke ich, dass hafen2 bis jetzt noch nicht in seinem eigentlichen kontext diskutiert wurde, nämlich den umbau des offenbacher hafens in ein wohn- und arbeitsgebiet.

Auf der homepage der Stadtwerke Offenbach Holding ist dazu folgendes zu lesen:

"Die Lage des Hafen Offenbachs stellt einen hohen Anspruch an die zukünftige Nutzung des Gebietes. Es soll zu einem der attraktivsten Gebiete in der Rhein-Main-Region entwickelt werden.

Ziel ist ein neues Stadtviertel, das sich bewusst für eine Urbanität entscheidet, die Wohnen, Arbeiten und Entspannen am Fluss miteinander verbindet. Damit folgt die Konzeption dem Erfolgsmodell historischer, kleinteiliger Städte und ist zugleich ein wichtiges Zukunftsmodell für internationale Stadtplanung und Stadtentwicklung.

Eine moderne Dienstleistungsgesellschaft ermöglicht die Rückkehr zu einer Mischung aus Arbeit, Wohnen und Freizeit, die unmittelbar ineinander übergehen."


(http://www.offenbach.de/Stadtwerke_Offenbach_Holding/Gesellschaften/Mainviertel_-_Projekt_Hafen_Offenbach/Wir_ueber_uns/)

Auf der gleichen seite werden unter "zwischennutzung" hafen2 und der kingkamehameha beach club erwähnt.

Nun lässt sich bei der derzeitigen wirtschaftslage an einer hand abzählen, dass trotz der auf anderen seiten gepriesenen "attraktivität" des standortes, die investoren, nicht gleich scharenweise einfallen werden. In Frankfurt hat sich jüngst der letzte von dem Urban Entertainment Center auf dem ehemaligen güterbahnhofsgelände verabschiedet. Es liegt nach wie vor brach und sieht einer unbestimmten zukunft entgegen.

Die strategie in Offenbach scheint klar: man siedele zeitweilig einige unternehmungen der (sub)kultur an, die mithelfen, dem gelände, dessen ursprüngliche bedeutung nutzlos geworden ist, in der öffentlichkeit einen neuen stellenwert zu geben: "da ist was los", "da geht man jetzt hin..."

Nicht um die arbeit von hafen2 geht es mir, sondern darum, ob ich nicht als sein besucher indirekt ein projekt fördere, an dem ich weder anteil noch mitspracherecht habe.

Hier bietet sich ein interessantes untersuchungsfeld an: wie geht ein unternehmen der sub-kultur mit so einem spannungsfeld um?

Denn es ist abzusehen, dass diesem "beispiel" weitere folgen werden. Investoren gehen mit der zeit, die mehr ertrag bei weniger einsatz fordert. Warum also eine teure werbeagentur bezahlen, wenn mit vergleichweise weniger geld, ein paar "arme" künstler und clubbetreiber für aufmerksamkeit und aufwertung des projektes sorgen können?

War gentrification mal ein beiläufiger nebeneffekt wird sie jetzt zur strategie.

Trotz einens immensen leerstandes an büroflächen sind die eigentümer nicht gewillt, "einfach so" auf zeit flächen an künstler abzugeben. Vielmehr scheint der neue deal der zu sein, raum gegen image. Wir geben dir das ding mietfrei, - wir haben dafür den mehrwert an öffentlicher aufmerksamkeit.

Wenn sub-kultur (und das schon lange) zu einem profitablen zweig der imageaufwertung beiträgt, so stehen die betreiber solcher off-projekte vor der gewissensentscheidung ehrliches engagement an firmen verkaufen zu müssen, wenn sie eine chance auf verwirklichung ihres projektes haben wollen.
Soweit ich weiss, zeigte sich aber die Stadt Offenbach dahingehend grosszügig, als sie rennovierung und ausbau des ehemaligen lokschuppens unterstützte.


"tanzen macht dein leben besser" heisst es weiter unten in der mail. Wer ist dieses possessive "dein"? Bin das wirklich "ich", stb, oder ist es nicht eher die Stadtwerke Offenbach Holding?

Tanz den Investor.
Tanz den Spekulanten.
Tanz den .....?

Info: http://www.hafen2.net