Thing Frankfurt Blog / Archiv

Aufruf der franz. Intellektuellen

15. 2. 1994

[Quelle zu dem Text von Wolfgang Eßbach; aus dem Thing Düsseldorf Textarchiv]

Aufruf zur Wachsamkeit
Gegen die subversive Aktion von rechts in Europa

Wir sind besorgt über die Wiederkehr rechtsextremistischer antidemokratischer Strömungen im geistigen Leben Frankreichs und Europas. Wir sind beunruhigt über den Mangel an Wachsamkeit und Nachdenklichkeit in bezug auf dieses Thema. Aus diesem Grund versammeln sich einige von uns seit Januar 1993 regelmässig, um Informationen auszutauschen und diese Fragen zu vertiefen.

Dass sich die Ideologen der extremen Rechten als Autoren und Verleger in einem Netz antidemokratischer und neonazistischer Kreise betätigen, ist nichts Neues. Doch diese Aktivität ist neuerdings nicht mehr auf eine Art Untergrundtätigkeit beschränkt. Sie wird offen ausgeübt und jeder, der sich die Mühe macht, sich zu informieren, kann sich leicht ein Bild von ihr machen.

Dabei wollen diese Ideologen seit einiger Zeit glauben machen, sie hätten sich geändert. Zu diesem Zweck verfolgen sie eine Verführungsstrategie, die auf demokratische Persönlichkeiten und Intellektuelle gerichtet ist, von denen einige dafür bekannt sind, dass sie links stehen. Da diese weder über diese Aktivität noch über das Netz rechtsextremistischer Zirkel ausreichend informiert sind oder sie überhaupt nicht kennen, haben sie sich auf Artikel in Zeitschriften eingelassen, die von diesen Ideologen herausgegeben werden. Diese Veröffentlichungen werden dann als die offensichtliche Beglaubigung dafür ausgegeben, dass der angebliche Wandel Wirklichkeit geworden sei.

Dies ist kein vereinzeltes Vorgehen, vielmehr Teil der gegenwärtigen Strategie einer Legitimierung der extremen Rechten, die allenthalben auf dem Vormarsch ist. Dieser Strategie kommen die vielfältigen Dialoge und Debatten entgegen, die sich über Themen entspinnen, welche man - gelinde gesagt leichtfertig das Ende der Ideologien, die vermeintliche Überwindung jeder politischen Spaltung zwischen der Linken und der Rechten, die angebliche Erneuerung der Idee der Nation und der kulturellen Identität genannt hat. Diese Strategie erhält auch durch die jüngste Mode-These Nahrung, die den Antirassismus als überholt und als gefährlich zu diskreditieren sucht.

Unter Autoren, Verlegern und verantwortlichen Personen in Presse, Rundfunk und Fernsehen scheinen diese Manöver bisher noch nicht das gebotene Misstrauen hervorgerufen zu haben. Aus Mangel an Informationen oder Wachsamkeit, aus Respekt vor der Freiheit der Wortes, aus Sorge um uneingeschränkte Toleranz leisten viele von ihnen, darunter die Verdienstvollsten, dieser Legitimierungsstrategie Vorschub.

Durch diese ungewollte Komplizenschaft, so fürchten wir, werden in unserem geistigen Leben bald Diskurse alltäglich werden, die bekämpft werden müssen, weil sie gleichermassen die Demokratie und das Leben der Menschen bedrohen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Worte der extremen Rechten nicht blosse Ideen unter anderen sind, sondern den Anreiz zu Ausschluss, Gewalt und Verbrechen enthalten.

Darum haben wir uns im Juli 1993 dazu entschlossen, ein "Komitee der Wachsamkeit" zu gründen, das es sich zur Aufgabe macht, alle Informationen zu sammeln und so weit wie möglich zu verbreiten, die dazu dienen können, das Netz der extremen Rechten und ihrer Verbindungen zum geistigen Leben (Verlage, Presse, Hochschulen) erkennbar zu machen. Und wir werden zu jedem Fall, der mit diesen Fragen in Zusammenhang steht, öffentlich Stellung beziehen.

Wir verpflichten uns, jede Zusammenarbeit mit Zeitschriften oder Sammelwerken, die Mitwirkung an Rundfunk- und Fernsehsendungen sowie die Teilnahme an Kolloquien abzulehnen, die von Personen geleitet werden, deren Verbindungen mit der extremen Rechten sich bestätigen sollten.

Frankreich ist bestimmt nicht das einzige europäische Land, in dem sich diese verschiedenen Strategien ausbreiten. Darum appellieren wir an ein Europa der Wachsamkeit und laden jeden ein, der unsere Initiative gutheisst, dieses Manifest zu unterzeichen.

Dieser Appell wurde unterschrieben von Miguel Abensour, Henri Atlan, Marc Auge, Lothar Baier, Norbert Bensaid, Ives Bonnefoy, Pierre Bourdieu, Georges Charpak, Claude Cohen-Tannudji, Michel Deguy, Jacques Derrida, Louis-Rene Des Forets, Georges Duby, Oliver Duhamel, Jacques Dupin, Umberto Eco, Arlette Fage, Lydia Flem, Nadine Fresco, Jacques Glowinski, Francoise Heritier, Yves Hersant, Francois Jacob, K. S. Karol, Jean-Marie Lehn, Nicole Loraux, Patrice Loraux, Charles Malamoud, Andrae Miquel, Philippe Nozieres, Maurice Olender, Michelle Perrot, Evelyne Pisier, Leon Poliakov, Jean Pouillon, Jacques Revel, Rossana Rossanda, Jean-Pierre Vernant, Lucy Vines, Paul Virilio.

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